17.Februar 2016

carros autopista RGB
Grafik von Paola Reyes
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Diese Art von Werbung hätte vor wenigen Jahr vielleicht noch stutzig gemacht. Inzwischen wundert sich kaum mehr jemand darüber. Klimaschutz ist durch wenige Klicks, durch eine einfache Überweisung, erledigt. Da haben wir sie, die vielgepriesene „Win-Win-Situation“. Gut für dich und dein Gewissen, gut für die Umwelt, und am allerbesten für die unzähligen neu entstandenen Unternehmen, Börsen und Banken, die auf der grünen Welle reiten.

Grünes Autofahren, grüne Börse, grüne Flüge, grüne Nuklearenergie, grüne Technologie, grünes Wachstum… Alles grün, alles gut?

Green Economy, Green Growth und Bioökonomie

Verschiedene Namen für ein und dieselbe Idee. Das Versprechen lautet, dass wir durch ein „Greening” der aktuellen Wirtschaft ohne Probleme „unseren” aktuellen Lebensstandard der Industrieländer wahren können. Die neue Wunderformel soll gleichermaßen das Wirtschaftswachstum ankurbeln, Armut verringern und den CO2-Ausstoß senken. Dafür soll die fossil-basierte Wirtschaft immer mehr durch bio-basierte Produktion ersetzt werden: Benzin durch Agrartreibstoffe, Kohle durch Wasserkraft, etc. Wo dennoch Emissionen entstehen, sollen diese „neutralisiert” werden, das heißt an einer anderen Stelle der Atmosphäre entzogen werden. Das soll z. B. durch CO2-Speicherung in landwirtschaftlichen Böden, Wäldern oder mittels technologischer Methoden wie Carbon Capture and Storage geschehen.

Doch es ist höchst fraglich, ob der Umbau zu einer „grünen“ Wirtschaft tatsächlich funktionieren kann. Konflikte sind vorprogrammiert. Beispielsweise bekommt der Anbau von Nahrungsmitteln Konkurrenz: Sollen auf fruchtbarem Land eher Lebensmittel angebaut werden oder Agrartreibstoffe für „klimafreundliches“ Benzin? Teller versus Tank. Die starke Erhöhung der Lebensmittelpreise und die damit verbundene Ernährungskrise 2007/2008 hingen eng damit zusammen. Die neuen Plantagen, die grünen Energie-, Waldschutz- und Emissionshandels-Projekte – auch sie sind schuld an der in den letzten Jahren dramatisch gestiegenen Anzahl von Landaneignungen, dem Land Grabbing. Dadurch verlieren unzählige Menschen den Zugang zu ihrem Land und ihren Lebensgrundlagen, oder zumindest die Kontrolle darüber.

Die Idee der Green Economy ist, Klima- und Umweltschutz mit Wirtschaftswachstum zu verbinden. Um das zu erreichen, soll Naturschutz ebenfalls Teil der Wirtschaft und somit profitabel werden. Dies funktioniert beispielsweise durch die Privatisierung von vorher öffentlich oder gemeinschaftlich verfügbaren Gütern, wie Wasser. Oder anstelle von festen Naturschutzgesetzen, die feste Obergrenzen für Zerstörung festlegen, tritt ein Markt.

Wer steckt hinter der grünen Wirtschaft?

Vorangetrieben wird die Green Economy von einer prominenten Allianz aus OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen), Weltbank, so manchen großen Umweltschutzorganisationen und grünen Parteien, sowie von vielen Konzernen und Banken.

Peter Bakker ist Präsident des Weltwirtschaftsrats für Nachhaltige Entwicklung WBCSD (World Business Council for Sustainable Development). 1995 gegründet, umfasst er inzwischen rund 200 multinationale Konzerne, darunter befinden sich auch nicht gerade für ihre Nachhaltigkeit berühmte Namen wie Coca Cola, Shell, Bayer, Rio Tinto oder bp. Bakker zeigt sich hoffnungsvoll:

Ich denke, langsam aber sicher werden die Unternehmen und die Regierungen gleichberechtigte Partner werden. Momentan ist das vielleicht eher noch eine Wunschvorstellung aber ich glaube, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln werden. Die weltweite Umweltkrise können wir nur lösen, wenn Unternehmen und Staaten gleichberechtigt zusammenarbeiten.” [2]

Was für die Konzerne eine Wunschvorstellung sein mag, ist für andere eher eine Drohung. Führt die zunehmende Macht dieser Konzerne nicht eher zu noch mehr Umweltzerstörung? Während in demokratischen Staaten die Bürger*innen (zumindest theoretisch) Einfluss auf ihre Regierung und die Gesetze nehmen können, ist dies bei Konzernen nicht der Fall: Diese handeln ganz klar mit dem Ziel des eigenen Profits. Chef*in ist die Person, die Geld hat und die Firma besitzt, und nicht, wer gewählt wurde.

Welchen Grund hat es dann, dass immer mehr auch Banken und Konzerne Interesse zeigen an einer grünen Ökonomie? Weil sie plötzlich ein Herz für Tiere und Pflanzen entdeckt haben? Oder, weil sie ein starkes Interesse daran haben, sich den größtmöglichen Anteil an den knapper werdenden Ressourcen zu sichern? Land oder Wasser eignen sich hervorragend zur Spekulation auf den Finanzmärkten. Doch der Handel mit Emissions-, Wald- und Biodiversitäts- oder Bodengutschriften birgt nicht nur Profitchancen, sondern auch die Möglichkeit, weiter die Natur zu zerstören oder Treibhausgase auszustoßen, wie bisher. Schließlich kann man sich darüber freikaufen von der Verpflichtung, bestimmte Grenzen von Umweltzerstörung einzuhalten. Je mehr Bereiche über den Markt geregelt sind, anstatt über den Staat und strenge Naturschutzgesetzgebung, desto mehr wächst der Einflussbereich derer, die Geld haben. Und desto mehr sind diejenigen ausgeschlossen, die keines haben.

 

Beispiel: Die grüne Börse in Brasilien

Ziel ist es, Umweltgesetzgebung in handelbare Instrumente zu transformieren”, so Pedro Moura Costa, Gründer der Grünen Börse BVRio”. [3] Unter dem alten brasilianischen Forstgesetz mussten diejenigen Waldbesitzer*innen, die mehr abholzten, als sie durften, mit Strafen rechnen. Die Gesetzesreform 2012 schuf eine neue Möglichkeit: Die Waldbesitzer*innen können nun über die neue „Grüne Börse BVRio“ Waldrestaurations-Gutschriften erstehen und sich somit von ihrer Pflicht freikaufen, nicht zu viel Wald abzuholzen. Eine Gutschrift zählt als Versprechen, dass jemand anderes an einem anderen Ort einen Hektar „vergleichbares” Waldökosystem renaturiert oder aufforstet. Insgesamt soll das dann genauso viel Wald sein, wie abgeholzt wurde. Die Besitzer*innen von Land mit hohen Grundstückspreisen können also mit der profitablen Abholzung und möglicherweise Bebauung oder Umwandlung in Agrarland fortfahren. Sie brauchen sich nur billigere Gutschriften zu kaufen – zum Beispiel von Regionen, in denen die Abholzungsgefahr aufgrund der Entfernung von Straßen und Infrastruktur ohnehin deutlich niedriger ist.

Eine Gutschrift kann mehrmals gehandelt werden, bevor sie mit dem Zweck gekauft wird, eine über den gesetzlichen Grenzwert hinausgehende Abholzung auszugleichen – es kann also damit gehandelt und spekuliert werden. Eine ökonomische Win-Win-Situation also: Praktisch für die Waldbesitzer*innen und profitabel für Finanzmarktakteure. …doch ist es sinnvoll für den Wald? [2]

Infos:

Broschüre „Schöne grüne Welt“: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Argumente/lux_argu_GreenEconomy_dt_10-2015.pdf

Dossier „Green Grabbing und Bioökonomie“: http://lateinamerika-nachrichten.de/?cat=928

Buch von Fatheuer/ Fuhr/ Unmüßig „Kritik der Grünen Ökonomie“: http://www.boell.de/de/2015/10/20/kritik-der-gruenen-oekonomie

Buch von Heuwieser „Grüner Kolonialismus in Honduras – Land Grabbing im Namen des Klimaschutzes“: http://www.ftwatch.at/gruener-kolonialismus/

Fußnoten:

[1] www.regreen.at

[2] aus Film „Natur – Spekulationsobjekt mit Zukunft”: https://www.youtube.com/watch?v=bFXv4EdCfXI (Minute 46)

[3] Jutta Kill „Trade in Ecosystem Services“:
www.wrm.org.uy/html/wp-content/uploads/2014/04/Trade-in-Ecosystem-Services.pdf, S. 6, 27

Dieser Artikel von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

Alles grün, alles gut?