23.Februar 2016

Von „Produkten“, „Ökosystemleistungen“ und „Naturkapital“

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Grafik von Paola Reyes

Sprache ist nie neutral. Sie sagt viel über die Geschichte, Kultur und Lebensweise der Gesellschaft aus, in der die Sprache entstand und entsteht.
Sprache schafft Realitäten. Die Begriffe, mit denen wir aufwachsen und tagtäglich konfrontiert werden, beeinflussen, wie wir unser Umfeld wahrnehmen – und auch, wie wir damit umgehen. In dem Begriff Natur steckt beispielsweise die Überzeugung, dass es eine klare Grenze gibt zwischen Mensch und Natur bzw. Kultur und Natur. Der Mensch steht in dieser Vorstellung über der Natur, kann sie nutzen und mit ihr interagieren. Er kann sie aber auch kontrollieren und die „natürlichen Ressourcen“ ausbeuten. Viele andere Sprachen hingegen haben kein vergleichbares Wort für Natur. Es gibt Wörter für spezielle Orte, die in das Leben der Gemeinde eingebunden sind. Manche sprechen von „Mutter Erde”, andere von „Territorium”. Die Vorstellung folgt hier weniger einer Trennung von Mensch und Natur, sondern beides wird in einem Zusammenhang gedacht – was auch Auswirkungen auf die Umgangsweise mit der Umwelt hat.

Inzwischen setzen sich neue Begriffe für unsere Umwelt durch – und schaffen neue Realitäten. Es handelt sich dabei um Begriffe aus der Sprache der Ökonomie, die zum Ziel haben, den Wert der Natur für die Wirtschaft und den Finanzmarkt sichtbar zu machen. Der Wert der Natur ist nach der ökonomischen Logik dann groß, wenn diese viel Geld kostet. Der Begriff „Naturkapital”, der seit wenigen Jahren boomt, macht dies am deutlichsten. Doch auch das Konzept der „Ökosystemleistungen” ist sehr wichtig für die ökonomische Bewertung der Natur und das, was aus ihr folgt: der Handel mit den neuen Naturwaren.

Die Dienstleistungen der Ökosysteme

Produkte” der Ökosysteme wie Äpfel, Holz, Honig oder Erdöl haben schon lange einen Preis. Dieser hängt eigentlich damit zusammen, wie viel menschliche Arbeit in dem Produkt steckt, um es zu sammeln, zu verarbeiten und zu verkaufen. Gegenwärtig richtet sich der Preis jedoch meistens am schwankenden Weltmarkt, an Angebot und Nachfrage aus.

Was bisher noch keinen Preis hatte, waren „Funktionen“ der Ökosysteme, also die Arbeit, die die Natur leistet – kurz gesagt die Dienstleistungen der Ökosysteme, die nützlich sind für den Menschen: Die Klimaregulation von Bäumen, die das Treibhausgas COspeichern (Senkenfunktion), die Erholungsfunktion von Wäldern, die Bestäubungsleistung von Bienen, etc.

Vor etwa 40 Jahren wurde das Konzept „Ökosystemleistungen” geprägt. Mit ihm wurde Natur zerteilbar und (teilweise) berechenbar gemacht. Befürworter*innen des Konzepts argumentieren, dass damit der Wert der Natur für die Menschen sichtbar würde. Doch immer häufiger wird der Wert ökonomisch berechnet. Die einzelnen Leistungen der Natur werden quantifiziert und monetarisiert, d. h. ihnen wird ein Geldwert verpasst. Wenn ein Markt für diese Leistungen geschaffen wird, kann sie auch zur Ware werden (Inwertsetzung). Wird die Ware am Finanzmarkt gehandelt, spricht man von der Finanzialisierung der Natur.

Bildschirmfoto vom 2016-04-28 11:20:39

Nicht alles was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt!“

Albert Einstein brachte es mit diesem Satz schon damals auf den Punkt. Obwohl Natur höchst komplex und je nach Lokalität anders ist, wird versucht, sie zu berechnen. Denn Natur soll sich rechnen. Aus ihr soll so viel Kapital wie möglich geschlagen werden – das „Naturkapital“. Aber wie soll gemessen werden, wie viel die „Erholungsleistung” eines Flusses wert ist, wie viel die Schönheit des Flusses oder dessen Bedeutung für die dort lebenden Gemeinden? Letztendlich können nur diejenigen Aspekte der Natur ökonomisch bewertet werden, die auch ökonomisch messbar sind, wie zum Beispiel die Energieproduktionskapazität des Flusses, dessen Wassermenge oder die Anzahl der darin gefischten Fische. Wertvoll wird, was berechenbar ist. Unsichtbar, was nicht berechenbar oder was für das Kapital ökonomisch unwichtig ist. Die Zahlen, die schlussendlich veröffentlicht werden, verschleiern, was alles nicht berechnet wurde – und ergeben deshalb meist eine verfälschte und eindimensionale Realität. Die Konsequenz aus solchen Berechnungen kann dann sein, dass, da die Energieproduktionskapazität des Flusses die wertvollste Dienstleistung ist, ein Wasserkraftwerk gebaut wird – anstatt dessen natürlichen Verlauf zu bewahren.

Geld regiert die Welt…

Verfechter*innen der ökonomischen Naturbewertung sind weiterhin der Meinung, dass die Umwelt endlich geschützt werden würde, wenn Natur und Naturzerstörung für die Wirtschaft als Geldwert sichtbar seien. Dabei sind die Ursachen für Umweltzerstörung schon hinreichend bekannt. Trotzdem zeigen immer mehr Banken und Konzerne Interesse an der Inwertsetzung und Finanzialisierung der Natur. Setzen sie sich plötzlich für Umweltschutz ein, weil sie einsichtig geworden sind? Vermutlich nicht. Geldangelegenheiten und Investitionen in die Märkte der Zukunft sind ihr „täglich Brot“, das sie nun auch auf neue Bereiche ausdehnen können: Auf die Natur und ihre „Dienstleistungen“. Und je mehr sich in Geld ausdrücken lässt, desto interessanter wird es für sie… Verlieren wir nicht automatisch, wenn wir die Sprache derjenigen annehmen, deren Interesse Wirtschaftswachstum und Profit ist, statt Umweltschutz und Gerechtigkeit?

Infos:

Film „Natur – Spekulationsobjekt mit Zukunft“: https://www.youtube.com/watch?v=bFXv4EdCfXI

Filmclip zur Finanzialisierung der Natur: https://vimeo.com/44485947

Infos zu Aspekten der Finanzialisierung der Natur: http://www.ftwatch.at/finanzialisierung-der-natur/

Heft von Fatheuer „Neue Ökonomie der Natur“: https://www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur-2.aufl-v01_kommentierbar.pdf

Heft von Kill „Ökonomische Bewertung von Natur“: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/Oekonomische_Bewertung_von_Natur_2015.pdf

Quellen:

[1] http://moderncms.ecosystemmarketplace.com/repository/moderncms_documents/PES_Matrix_Profiles_PROFOR.1.pdf, S. 4 [eigene Übersetzung]

[2] http://www.wavespartnership.org/en/guatemala-joins-waves-advance-natures-role-economic-growth

Dieser Artikel von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

Was ist die Natur wert?