03.Mai.2016

Der Klimawandel beeinflusst die Landwirtschaft – die Landwirtschaft beeinflusst das Klima.

Es heißt, dass 11 bis 15 Prozent der menschlich verursachten Emissionen durch die Landwirtschaft entstehen. Die meisten dieser Treibhausgase stammen aus den industriellen Inputs, also den chemischen Düngemitteln, Pestiziden, Herbiziden und den fossilen Brennstoffen für die Maschinen, sowie aus der durch die Massentierhaltung entstehenden Gülle. Doch berücksichtigt man in der Rechnung, dass unser derzeitiges Agrarsystem auf Waldabholzung und langen Transportwegen beruht und dass auch die Lebensmittelverarbeitung und übermäßige Verpackungsproduktion, die Kühlung, der Verkauf sowie die Abfallverarbeitung dazugehören, dann kommt man auf einen Anteil von insgesamt 44 bis 57 Prozent Emissionen durch die Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie! [1]

Unsere industrielle Landwirtschaft hat nicht nur gravierende Auswirkungen auf das Klima, sondern auch auf die Böden, die Biodiversität und die Lebensqualität der Tiere und der Menschen. Denn es geht nicht darum, auf gesunde, faire und nachhaltige Art und Weise Lebensmittel zu erzeugen, sondern darum, effizient und profitorientiert zu wirtschaften. „Wachsen oder Weichen“ lautet die dominante Formel: Wer nicht mehr und schneller produziert, kann am Weltmarkt nicht mithalten. Während daher die Macht multinationaler Agrarkonzerne und Supermärkte stetig zunimmt, werden lokale Produktionsstrukturen und Märkte zerstört und viele Millionen Menschen vom Zugang zu Nahrung und Ressourcen sowie von der Mitentscheidung ausgeschlossen. Etwa einer von neun Menschen leidet auch heute noch an Hunger, 98 Prozent davon leben im Globalen Süden. [2]

Alter Wein in grünen Schläuchen

Unser aktuelles Ernährungs- und Agrarsystem muss sich also aus vielen Gründen dringend verändern. Auf den Klimagipfeln und in globalen Institutionen werden derzeit Lösungsansätze mit vielversprechenden Namen vorangetrieben. Sie nennen sich „smarte Landwirtschaft“, „nachhaltige Intensivierung“, „Climate Smart Agriculture“ oder auch „4 per 1000“. Doch meist handelt es sich um ein grün-gewaschenes „Weiter wie bisher“. Die Ansätze grenzen sich keineswegs vom Wachstumszwang ab. Sie liefern stattdessen ein neues Argument für die Industrialisierung der Landwirtschaft: den Klimaschutz.

Das Hauptargument für eine „smarte“ oder „nachhaltig intensivierte“ Landwirtschaft ist, dass das Bevölkerungswachstum der Grund dafür sei, dass sich die Agrarfläche ausbreite und somit Wald abgeholzt werden müsse – was wiederum schlecht für das Klima ist. Dies könne durch intensivere Produktion auf kleinerer Fläche verhindert werden, und zwar durch verändertes Saatgut, industriellen Dünger-, Pestizid- und Herbizideinsatz und eine High-Tech-Industrialisierung. Vom Drohneneinsatz auf Riesenfeldern über automatisch gesteuerte Traktoren ohne Insass*innen bis hin zum Melk-Roboter ist hier alles mit von der Partie. Dass diese Maschinen aber auch fossile Brennstoffe und Ressourcen benötigen, wird nicht erwähnt. [3]

Bevölkerungswachstum wird gern als Argument verwendet, wenn es um die Rechtfertigung der Industrialisierung und Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft geht. Diese Argumentation ignoriert aber, dass der Hunger in der Welt vor allem durch ungerechte Verteilung entsteht. Nicht einmal die Hälfte der globalen Getreide-, Reis- und Maisproduktion wird als menschliches Nahrungsmittel verwendet. Der Rest ist für Agrartreibstoffe und Futtermittel bestimmt, um den global rasant zunehmenden Fleischkonsum und Energiebedarf zu decken. [4]

Was heißt hier smart? Bildschirmfoto vom 2016-04-28 11:12:16

Die wichtigste globale Initiative, die sich in den letzten Jahren mit dem Ziel der „klima-smarten“ Landwirtschaft gegründet hat, heißt „Global Alliance for Climate Smart Agriculture“ (GACSA). Sie vereinigt unter ihrem Dach neben der FAO (UN-Landwirtschaftsorganisation), der Weltbank und einigen Staaten auch mehrere Agrarkonzerne und Zertifizierungsorganisationen, die vom Emissionshandel profitieren. Auch große Umweltorganisationen wie The Nature Conservancy, bekannt für ihre enge Beziehung zur Privatindustrie, sind mit von der Partie. Dagegen nur schwach vertreten sind die Bäuerinnen- und Bauern-Organisationen selbst.

 

Was genau „climate-smart“ bedeutet, wird bei der „Climate Smart Agriculture“ nicht klar definiert. Das ist wohl auch das schlauste an ihr. Denn dadurch kann jede*r selbst hineininterpretieren, was sie oder er will. So schmücken sich auch Agrarkonzerne, die synthetische Düngemittel vertreiben, industrielle Fleischproduktion und großflächigen Anbau von Monokulturen forcieren, mit dem Namen „climate smart“ (siehe Beispiel). Auch gentechnisch verändertes Saatgut gewinnt wieder an Fahrt, weil es heißt, dass dadurch die Pflanzen anpassungsfähiger für Dürren, ertragreicher oder größere CO₂-Schlucker seien.

Um vier Promille die Böden verändern

Eine weitere Initiative nennt sich „4 per 1000“. Sie wurde vor dem Pariser Klimagipfel von der französischen Regierung ins Leben gerufen und konzentriert sich auf die Tatsache, dass landwirtschaftlich genutzte Böden Senken, also Kohlenstoffspeicher, sind. „Wenn wir pro Jahr die Menge des in Böden gespeicherten Kohlenstoffdioxids um vier Promille erhöhen, können wir den CO₂-Anstieg in der Atmosphäre stoppen“, heißt es auf der Website. [5] Es stimmt, dass die Verbesserung der Böden durch beispielsweise Humusaufbau aus vielen Gründen wichtig ist.

Doch die dominanten Vorschläge setzen hauptsächlich auf Messungen und Berechnungen der Senkenfunktion von Böden – obwohl Messungen solcher Art nachweislich höchst umstritten und ungenau sind. Messbarkeit ist jedoch notwendig, wenn mit dem eingespeicherten CO₂ im Anschluss Handel betrieben werden soll. Und so wird nicht Berechenbares plötzlich doch berechenbar. Der Ansatz von „4 per 1000“ klingt verlockend, schließlich können wir dadurch weiter Treibhausgase in die Atmosphäre jagen, wenn diese dann automatisch von Böden geschluckt werden.

Agrarökologie und Ernährungssouveränität

Die weltweite Bäuer*innenorganisation La Vía Campesina und viele soziale Bewegungen erteilen dem momentan vorherrschenden Agrarsystem und dessen „smarten“ Entwicklungen eine klare Absage. Sie zeigen, dass es sich dabei eher um neue „grüne“ Argumente handelt, um das alte industrielle Agrarmodell zu legitimieren. Statt immer mehr zu wachsen und kleine Bauernhöfe zu verdrängen, setzen sie sich für den Schutz und Ausbau einer bäuerlichen und agrarökologischen Landwirtschaft ein, die auch im Kampf gegen den Klimawandel einen wichtigen Beitrag leisten kann.

Immer mehr Studien widerlegen auch die Behauptung, dass industrielle Landwirtschaft produktiver sei. Diese befindet sich in einem ständigen Teufelskreis aus Intensivierung, externen Inputs (Energie, Saatgut, Pestizide, etc.) und Verlust von Bodenfruchtbarkeit. Die industrielle Landwirtschaft braucht zwar wegen der Mechanisierung weniger Arbeitskraft, also Personen, und ist in diesem Sinne effizienter. Wird aber der Energieeinsatz oder die Produktivität des Bodens gemessen, so stimmt die Effizienzrechnung nicht mehr. Auf einer Fläche, auf der mit agrarökologischen Methoden angebaut wird, wächst insgesamt meist viel mehr als auf einer industriellen Monokultur, und braucht deutlich weniger Energie. So kann kleinstrukturierte Landwirtschaft sogar ertragreicher sein. [6]

Viele Bewegungen und Organisationen treiben daher Agrarökologie und Ernährungssouveränität voran. Dabei geht es darum, Landwirtschaft so zu gestalten, dass es den Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, ebenso wie den Tieren, Pflanzen und Böden gut gehen soll. Lebensmittel sollen möglichst regional, zukunftsweisend und sozial gerecht erzeugt, verteilt und konsumiert werden. Das Menschenrecht auf Nahrung muss Vorrang haben vor den Interessen der globalisierten Agroindustrie. Die eingesparten Emissionen durch geringere externe Inputs in die Landwirtschaft und kürzere Transportwege sowie die Erhaltung der Biodiversität leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz.

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Infos:

Gesammelte kritische Infos über Climate Smart Agriculture auf dem Blog: http://www.climatesmartagconcerns.info/

 

Fußnoten:

[1] https://www.grain.org/article/entries/5102-food-sovereignty-5-steps-to-cool-the-planet-and-feed-its-people

[2] http://de.wfp.org/hunger/hunger-statistik

[3] http://www.oekosozial.at/oekosoziales-forum/alle-veranstaltungen-im-ueberblick/diskussionen-tagungen/smarte-landwirtschaft/#element86694

[4] Weingärtner/ Trentmann: Handbuch Welternährung

[5] http://4p1000.org/understand

[6] http://www.kritischer-agrarbericht.de/index.php?id=357 ;
IAASTD (2009): Agriculture at a Crossroads. Global Report ;
Altieri (2010): Agroecology, Small Farms, and Food Sovereignty. In: Magdoff/ Tokar (Hg.): Agriculture and Food in Crisis. Conflict, Resistance, and Renewal. Norberg-Hodge/ Merrifield et al. (2007): Bringing the Food Economy Home. Local Alternatives to Global Agribusinesss.
[7] https://cgspace.cgiar.org/bitstream/handle/10568/34042/Climate_smart_farming_successesWEB.pdf, eigene Übersetzung; http://www.cidse.org/publications/just-food/food-and-climate/climate-smart-revolution-or-a-new-era-of-green-washing-2.html

 

Dieser Artikel von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

Klima-schlaue Landwirtschaft?