31.Oktober 2015
Was bedeutet soziale Verwundbarkeit im Hinblick auf Klimawandel und wie funktioniert der Ausverkauf von Natur? Nur zwei Aspekte, die Professor Christoph Görg in der Ringvorlesung erklärt.

Am 13. Oktober 2015 fand am Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Wien die zweite Einheit der Ringvorlesung „Klimapolitik in der Sackgasse? Kontroverse Perspektiven zivilgesellschaftlicher Ansätze“ statt. Organisiert wird die interuniversitäre und interdisziplinäre Ringvorlesung vom IPW der Universität Wien, dem Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) sowie der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Finance and Trade Watch. Die wöchentlichen Abendveranstaltungen sollen aktuelle Entwicklungen, Debatten und Strategien rund um Klimawandel und Klimapolitik beleuchten. Die Vorlesungen stehen neben Studierenden auch einer breiteren Öffentlichkeit offen (immer dienstags von 18.30 bis 20.00 Uhr im Hörsaal II im Neuen Institut Gebäude (NIG)). Am heutigen Abend sprach Professor Christoph Görg von der Universität Klagenfurt zum Thema „Die Krise der zwischenstaatlichen Klima- und Nachhaltigkeitspolitik“.

Wer hat Schuld am Klimawandel?
Aktuell haben wir es nicht mit einer natürlichen Schwankung des Klimas zu tun, sondern mit einer vom Menschen verursachten Veränderung. Aber wer ist daran schuld? Nach Görg liegt es nicht an den Menschen, vielmehr sind es bestimmte Verhaltensmuster und Lebensstile in den unterschiedlichen Regionen. So seien etwa Flugreisen nicht für alle möglich und dies führe im Hinblick auf den Klimawandel zu Gerechtigkeits-, Verteilungs- sowie Betroffenheitsfragen, die es zu politisieren gelte. Das Soziale werde aber kaum in Klimadiskussionen thematisiert. Häufig werde eine apokalyptische Sprache verwendet, die sagt „wir müssen ganz dringend handeln, weil es sonst ganz schlimm wird“, erläutert Görg. Sachlich sei dies nicht falsch, aber apokalyptische Botschaften überdecken die eigentlichen Probleme. So nimmt etwa die Politik Zusammenhänge zwischen biophysikalischen und gesellschaftlichen Prozessen nicht zur Kenntnis.

Klimawandel ist bereits Realität.
Oft werde so getan, als ginge es beim Klimawandel um ein globales Problem in einer bedrohten fernen Zukunft. Dies ist definitiv nicht der Fall, denn in vielen Teilen der Welt können wir schon heute sehr viele Phänomene beobachten, die mit hoher Sicherheit auf den Klimawandel zurückzuführen sind, erklärt Görg. Als Beispiel nennt er das Sundarban Delta in Bangladesch. Dort hätten sich die Lebensbedingungen schon heute erheblich verändert, da das Meerwasser immer tiefer ins Landesinnere vordringt. Böden versalzen, Grundwasser geht zurück und Reisanbau ist kaum mehr möglich. Hierdurch entsteht hoher Nutzungsdruck auf die verbleibenden Ressourcen wie die Wälder.

Soziale Verwundbarkeit ist unterschiedlich.
Bangladesch habe nur begrenzte Möglichkeiten auf den Klimawandel zu reagieren. Deutlich werde dies bei einem Vergleich mit den Niederlanden. Dort wurden Regionen aufgegeben, um neue Überflutungsflächen zu schaffen und die nun Naturschutzgebiete seien, erklärt Görg. Möglich mache das der Reichtum des Landes. Natürlich gebe es unterschiedliche Optionen, auf die Folgen des Klimawandels zu reagieren, die auch durchaus überlegenswert sind und gegen die Görg nichts sagen möchte. Aber in Bangladesch gebe es solche Möglichkeiten schlichtweg nicht. Görg spricht hierbei von sozialer Verwundbarkeit. Diese sei in den Niederlanden vielfach niedriger als in Bangladesch. Wer am Rande der Armut lebt, hat weniger Möglichkeiten auf die Folgen des Klimawandels zu reagieren. Verwundbarkeit hänge nicht davon ab, ob es direkte Auswirkungen des Klimawandels gibt, sondern von Reaktionsmöglichkeiten der Betroffenen.
Bangladesch ist besonders vom Klimawandel betroffen, hat aber nur zu einem geringen Teil zur Klimaerwärmung beigetragen. Auf der nächsten UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris müssen daher neben Fragen der Betroffenheit auch Gerechtigkeitsfragen diskutiert werden, so Görg.

Kein Ausverkauf der Natur mehr.
Ein gravierendes Problem in den Klimaverhandlungen sieht Görg in neoliberalen Denkmustern. Es sei der zunehmende Trend zu beobachten, die Natur zu ökonomisieren. Görg bezeichnet dies als „Inwertsetzung der Natur“. Bekanntestes Beispiel hierfür sei der Handel mit Emissionszertifikaten. Der Atomsphäre wird ein Preis zugeordnet und Unternehmen erhalten mit dem Kauf von Zertifikaten das Recht, eine bestimmte Menge CO2 in die Atmosphäre auszustoßen. Aber obwohl der Handel mit Emissionszertifikaten wegen eines Überangebots nicht funktioniere und die Klimaerwärmung nicht stoppt, werden weiterhin flexible und marktbasierte Instrumente bevorzugt. Nationale Umweltregulierungen wie Gebote und Verbote funktionieren besser und wären sinnvoller. Diese werden aber als Handelshemmnisse aufgefasst, weil sie den Freihandel stören könnten. „Der Glaube [daran], wenn man markbasierte Instrumente einsetzt, kann man die beste Form der Klimapolitik machen“, muss aufgebrochen werden. Hier müsste ein „System Change“ stattfinden, um das Motto der Veranstaltung aufzugreifen, ergänzt Görg.
In den letzten Jahren haben sich daher verstärkt Umweltbewegungen wie Climate Justice Movements herausgebildet, die sich als Kritik an der Dominanz neoliberaler Strategien in der Umweltpolitik verstehen. Sie bauen Druck auf und versuchen die Verhandlungen in Paris zu beeinflussen, damit zukünftig kein weiterer Ausverkauf der Natur mehr stattfinde.

Der Autor, Kay Biskupski, studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist Mitglied der Redaktion der Grünen Bildungswerkstatt Wien. Dieses verfasst regelmäßig Beiträge über die Veranstaltungsreihe, die ihr auf ihrer Website oder hier bei uns lesen könnt.

 

„Klimawandel: keine Apokalypse, sondern Realität“