Mobilität neu denken: Der schwere Abschied von Diesel und Co

So der Titel der Podiumsdiskussion am 27. Oktober, Teil der Veranstaltungsreihe „Kämpfe ums Klima. Brennpunkte sozial-ökologischen Wandels„.

Der Verkehrssektor ist der größte Energieverbraucher und zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen in Österreich. Das macht ihn zu einem absoluten Schlüsselbereich für den Klimaschutz. Zwar wurden in den letzten Jahrzehnten immer sparsamere Motoren entwickelt, doch gleichzeitig ist die Anzahl der gefahrenen Wege seit den 1990er Jahren angestiegen, was die technologischen Fortschritte zur Emissionsminderung minderten. Wenn technische Lösungen alleine nicht ausreichen, was muss passieren, damit Emissionen im Verkehrsbereich eingespart werden?

Das Podium von links nach rechts: Moderator Josef Moussa (Intern.Politik, Uni Wien), Stefan Krase (BMVIT), Marianne Sturm (Arbeitskreis der Automobilimporteure), Markus Gansterer (VCÖ) und Ulrich Brand (Internationale Politik, Uni Wien). Foto: Paco Yoncaova

Hoffnungsträger Elektromobilität

„Bisher wurde häufig betont, dass Elektrofahrzeuge an ihrem Einsatzort (z.B. in Innenstädten) keine Emissionen verursachen, also „emissionsfrei“ seien. Nach den Gesetzen der Physik ist ein emissionsfreies Bewegen großer Massen nicht möglich“ – dieser Satz erzeugte in einigen Medien einen großen Widerhall, denn er zeigt auf, dass die Elektromobilität, die derzeit in Österreich stark gefördert wird, nicht ganz so klimaneutral ist wie sie gerne dargestellt wird. Der Satz stammt aus einer Stellungnahme von 15 emeritierten deutschen und österreichischen VerkehrsprofessorInnen, die den Mythos der „emissionsfreien“ Mobilität kritisch betrachten, denn lokal stoßen Elektroautos zwar kein CO2 aus, die gesamte Produktionskette ist jedoch alles andere als klimafreundlich.

Eine Absage an E-Mobilität ist ihre Stellungnahme trotzdem nicht. Denn in der Klima-Debatte, wie zum Beispiel aktuell bei der 23. Klimakonferenz in Bonn, spielen Elektroautos trotz ökologischer und sozialer Risiken eine tragende Rolle. Weil Elektroautos beim Fahren kein CO2 emittieren, gelten sie als klimafreundlich und sind in der öffentlichen Diskussion positiv besetzt. Das Programm Klimaaktiv-mobil des Umweltministeriums (BMLFUW) setzt beispielsweise stark auf Elektromobilität im Personenverkehr, um die auch im letzten Jahr gestiegenen Treibhausgasemissionen zu senken.

Dabei werden aber Umweltschäden, die beispielsweise bei der Produktion von Metallen für Batterien oder der Entsorgung entstehen, ausgeblendet. Auch lokale Umweltschäden wie Luftverschmutzung durch erhöhte Feinstaubwerte können durch Elektroantrieb von Fahrzeugen nicht verhindert werden, da Feinstäube zu 85% gar nicht aus den Motoren kommen. Außerdem reicht die derzeitige, und voraussichtlich auch die zukünftige Energieversorgung mit Ökostrom nicht aus, um das Projekt „Elektroautos für jeden“ zu realisieren. Deshalb betonen die WissenschaftlerInnen in ihrer Stellungnahme, dass Elektroautos nur einen kleinen Teil zur Emissionsminderung beitragen können. Ihr Fazit: Das europäische und nordamerikanische Mobilitätsmodell individualisierten Autoverkehrs ist nicht zukunftsfähig – auch nicht mit Elektroantrieb.

Die Alternative zu rein technischen Lösungen wäre eine Änderung im Mobilitätsverhalten. Doch warum setzen sich Mobilitätskonzepte wie z.B. Carsharing, Umstieg vom Auto auf das Fahrrad, autofreie Tage usw. nur schleppend und wenn, dann eher in Städten, durch? Die „Automobile Kultur“, so Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaften der Uni Wien, sei sehr tief in unseren Köpfen verankert. Die Idee, den Benzin- und Dieselgetriebenen Individualverkehr einfach mit Elektroantrieb zu ersetzen, sei deshalb so verlockend, weil sich am Verkehrsverhalten kaum was ändern müsste. Elektromobilität dominiert weiterhin die öffentliche Debatte um die Zukunft der Mobilität.

Der schwere Abschied von Diesel und Co.

Diese Tendenz spiegelte sich auch bei einer Diskussionsveranstaltung der Reihe „Kämpfe ums Klima“ am 27. Oktober 2017 wider, bei der es um die Zukunft der Mobilität ging. „Jeder Hersteller setzt auf E-Mobilität“, so Podiumsgast Marianne Sturm, vom Arbeitskreis der Automobilimporteure. Das Thema Elektrofahrzeuge scheint auch in Österreich in punkto politischer Lösungen den Ton anzugeben: Mit dem Aktionspaket zur Förderung der Elektromobilität haben sich das bmvit, der Arbeitskreis der Automobilimporteure und das Umweltministerium (BMLFUW) zusammengetan und investieren insgesamt 72 Millionen Euro in ein E-Mobilitätspaket für den Personenverkehr. Dieser ist, laut einer Studie des Umweltbundesamtes, im österreichischen Verkehrssektor Treibhausgas-Emittent Nummer eins. Auch im Straßengüterverkehr, zweitgrößter Emittent des Sektors, wird vor allem auf den Umstieg zum Schienentransport gesetzt.

Dass das E-Mobilitätspaket nicht nur von zwei, sondern von allen Ministerien getragen werden müsse, betonte Stefan Krase (Verkehrsministerium, bmvit), ein weiterer Podiumsgast der Veranstaltung. Das bmvit fördert die Verbreitung von Elektroautos als klimafreundliche Alternative zu Benzinern und dieselgetriebenen Fahrzeugen, sehe diese aber nicht als einzige Lösung. Um ein umfassendes Mobilitätskonzept nicht nur zu entwerfen, sondern auch umzusetzen, brauche es auch die anderen Ministerien – und das sei nicht einfach. „Die wichtigen Entscheidungen werden in der Steuerpolitik getroffen“, hakte Markus Gansterer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) vom Podium aus ein.

Alle Akteure müssten beim Thema Mobilität an einem Strang ziehen, was einen langen Aushandlungsprozess und viele Kompromisse bedeute. Mit seinem Vorschlag, Regeln und Verbote einzuführen, um das Mobilitätsverhalten zu ändern, stand Ulrich Brand am Podium alleine da. Verbote, so Krase, werde es eher nicht geben. Diese würden eher sozial Schwächere treffen. Außerdem müsse der Industrie und den Individuen mehr Zeit für den Umstieg gegeben werden und Verbote würden das nicht möglich machen.

Dass eine andere Mobilität geschaffen werden müsse, waren sich alle einig. Wie der Umstieg genau aussehen solle, wurde bei der Veranstaltung nur vage angedeutet. VerkehrsexpertInnen fordern in der eingangs zitierten Stellungnahme eine „verkehrsreduzierende Siedlungs- und Verkehrsinfrastrukturplanung“. Diese sei jedoch politisch unpopulär und daher ein „verkehrspolitisches Tabuthema“.

Stadt-Land-Gefälle

In der Stadt würden sich alternative Modelle leichter etablieren, so Ulrich Brand, weil dort bestimmte Push-Faktoren das Verhalten beeinflussen: kaum Parkplätze, attraktive Öffi-Verbindungen und gute Fahrradwege würden das Auto als individuelles Fortbewegungsmittel eher unattraktiv machen. Daher sollten die Städte mit neuen Konzepten vorangehen und dem Land Zeit geben, eigene Konzepte zu entwickeln.

Als „realitätsfern und elitär“ kritisierte Marianne Sturm diesen Vorschlag. „Wir haben uns unseren Lebensstandard hart erarbeitet, das bedeutet, wenn ich ein Auto brauche, will ich es mir auch leisten dürfen. Dort, wo die Infrastruktur schlecht ist, brauchen die Menschen eben einfach ein Auto“, meinte sie weiter. Damit sprach sie zwei wichtige Themen an, die eine Schlüsselrolle in der Frage der klimafreundlichen Mobilität mit sich bringen: Zum einen, dass das Auto für viele – gerade am Land – ein Symbol der Freiheit ist. Zum anderen, dass Alternativen zum Individualverkehr ohne eine passende Infrastruktur und attraktive Alternativen zum Individualverkehr von den betroffenen Menschen kaum angenommen werden.

Ganzheitliche Transformation nötig

Zusammengefasst nannten die Podiumsgäste als Lösungen für das Emissionsproblem im Verkehrssektor den Ausbau der Infrastrukturen für Bahn und Radverkehr, die Verbesserung der Ladeinfrastruktur für E-Mobilität, Sharing-Angebote in Städten und Gemeinden und eine verkehrssparende Siedlungsentwicklung. Ob dies durch Verbote oder Anreize geschaffen werden könne, waren sie sich uneinig. Krase ergänzte noch, dass eine dringend benötigte ökosoziale Steuerreform die Grundlage für alle Änderungen sei. Damit solle ein ganzheitliches Anreizszenario geschaffen werden, das sukzessive das Verhalten der VerkehrsteilnehmerInnen beeinflusst. Dass alle möglichen Maßnahmen so schnell wie möglich durchgeführt werden müssten, wurde vom 100-köpfigen Publikum mehrfach gefordert.

 


Nadine Mittempergher ist freie Journalistin. Sie dokumentierte die Veransaltung im Rahmen ihrer Mitarbeit beim GBW-Redaktionsteam. Der Artikel erschien ursprünglich hier: http://gbw.at/oesterreich/artikelansicht/beitrag/mobilitaet-neu-denken-der-schwere-abschied-von-diesel-und-co/

 

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