New Conservationism – die neue Art von Klima- und Naturschutz

Die Angebote an umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen wachsen stetig und erwecken den Eindruck, dass es für uns als Konsument*innen immer einfacher wird, ‚grün‘ zu sein. Die Auswahl wächst stetig und reicht vom ‚CO2- neutralen‘ Einkaufen bis hin zu ‚Offsetting‘ von Emissionen beim Fliegen durch kleine Aufpreise. Doch was steckt eigentlich dahinter? Haben Sie sich jemals gefragt, wie diese Mechanismen funktionieren und was ‚CO2 neutral‘ und ‚Offsetting‘ eigentlich bedeutet? Es bedeutet, dass man die Umwelt und das Klima weiterhin belastet, aber dies durch das Kaufen von Emissionsgutschriften scheinbar wieder gut machen kann. Die Idee ist, dass es keine Verschlechterung gibt, weil für jeden CO2 Ausstoß hier der CO2 Ausstoß an einem anderen Ort verhindert oder zum Beispiel durch das Pflanzen neuer Bäume ‚neutralisiert‘ wird. Diese Strategie kann jedoch im besten Fall zu einem Stillstand statt zu einer Verbesserung bzw. zu einer Verringerung der Emissionen führen.

Ökologische Krisen

Die Probleme und Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind komplex und vielseitig. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Bodenerosion, Wasserknappheit, Ressourcenknappheit, Wetterextreme, Waldrodung, um nur einige zu nennen. Auch die Implikationen und Konsequenzen sind zahlreich und vielschichtig. Das grundlegende Problem ist, dass das momentane Wirtschaftssystem auf fossilen Brennstoffen aufbaut. Zusätzlich belastet der ressourcenintensive Lebensstil im Globalen Norden die Umwelt (1). Das momentane Wirtschaftssystem ist abhängig von Wirtschaftswachstum, was im Widerspruch zu den Bemühungen steht, Ressourcenverbrauch zu verringern und Emissionen zu reduzieren.

WIN-WIN-WIN-Lösung?

Es wirkt, als gäbe es eine Vielzahl an neuen Lösungsansätzen und Instrumenten – wie beispielsweise ETS (Emission Trading Scheme), REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and forest Degradation), Biodiversitäts-Offsetting, PES (Payments for Ecosystem Services) und viele andere. Sie alle basieren jedoch auf derselben Logik: Der Markt soll Klimaschutz und Naturschutz effizienter und effektiver als traditionelle staatliche Regulierung ermöglichen. Es wird als win-win-win Lösung präsentiert: Klimaschutz wird ermöglicht, ohne der Wirtschaft zu schaden. Gleichzeitig werden scheinbar soziale Problem in Angriff genommen, weil Projekte, die beispielsweise dem ‚Neutralisieren‘ von CO2 Emissionen aus dem Globalen Norden dienen, im Globalen Süden ausgeführt werden. Das Zitat von Pavan Sukhdev, der Leiter der sogenannten TEEB Studie (‚The Economics of Ecosystems and Biodiversity‘), illustriert diese Denkweise sehr gut: „We use nature because it is valuable, but we lose nature because it is free.“ Das Problem ist, so wird behauptet, dass die Natur keinen monetären Wert hat und daher im Wirtschaftssystem nicht gesehen wird. Hätte die Natur einen monetären Wert, würde sie endlich gesehen werden und den Respekt bekommen, den sie verdient. Das ist zumindest die Logik hinter diesen marktbasierten Mechanismen und Instrumenten, die versuchen, Natur- und Artenschutz durch die Eingliederung in das Wirtschaftssystem zu erreichen. Doch kann eine monetäre Bewertung Natur tatsächlich sichtbar machen oder wird es nur gewisse Aspekte sichtbar machen und andere noch mehr in den Hintergrund verdrängen?

Kann der Markt das wirklich besser?

Die Idee von Instrumenten wie dem Emissionshandel, die Teil der Konzepte der sogenannten ‚green economy‘ oder des ‚green growth‘ sind, ist, dass durch Handel am Markt die günstigste Variante gefunden wird, um die Natur zu schützen und den Klimawandel einzudämmen. Für diese neuen Mechanismen und Instrumente muss Natur zunächst neu konzeptualisiert werden, damit sie in die Marktlogik passt. Der erste Schritt ist, dass Natur auf sogenannte Ökosystemleistungen reduziert wird. Das bedeutet, dass nur noch Funktionen eines Ökosystems gesehen werden, die dem Menschen nutzen, wie beispielsweise Bestäubung durch Bienen oder CO2 Aufnahmekapazität eines Waldes. Im zweiten Schritt wird diese Ökosystemleistung monetär bewertet und zum Schluss wird ein Markt kreiert, durch den die kommodifizierten d.h. zu einer handelbaren Ware gemachten Ökosystemleistungen gehandelt werden können (3).

Durch diesen Prozess wird die Natur in individuelle und vergleichbare Einheiten aufgeteilt, die unabhängig von ihrer sozialen und ökologischen Umfeld betrachtet werden (4). Die Etablierung von CO2 Äquivalenten, welche unterschiedliche Treibhausgase vergleichbar machen, ermöglicht einen weltweiten Emissionshandel. Es macht jedoch einen Unterschied um welches Treibhausgas es sich handelt und wo die Emissionen ausgestoßen werden, noch klarer wird das Problem der scheinbaren Vergleichbarkeit und Substituierbarkeit bei Biodiversität. Umweltzerstörung „hier“ kann nicht einfach durch Schutz „dort“ wieder gut gemacht werden, da die Natur an jedem Ort einzigartig ist und spezifisch für die dortigen geografischen, historischen und sozialen Gegebenheiten ist und meist ein wichtiger Baustein in einem größeren Ökosystem ist.

Kommen wir nun nochmals zurück zu der Frage „Was bedeutet CO2-neutral?“. Individuen, aber auch Staaten und Unternehmen können ihre Emissionen durch den Kauf von Emissionsgutschriften ausgleichen bzw. wieder gut machen, die aus Klimaschutzprojekten stammen. Diese finden meistens im Globalen Süden statt, da die Opportunitätskosten dort niedriger sind (5). Dies verstärkt die soziale Ungleichheit zwischen Globalen Norden und Globalen Süden noch zusätzlich, da die Menschen im Norden weiterhin die Umwelt zerstören und das Klima beeinträchtigen und die Menschen im Globalen Süden die Umwelt und Natur schützen müssen um unsere Emissionen auszugleichen.

Und wie kommen diese Emissionsgutschriften zustande? Nehmen wir ein hypothetisches Beispiel von der Errichtung eines Windkraftwerkes im Globalen Süden. Nun wird berechnet, wie viele Emissionen hypothetisch verhindert werden, weil ansonsten womöglich ein fossiles Brennstof-Kraftwerk gebaut worden wäre. Es wird also ein sogenanntes Baseline-Szenario erstellt, wo die Frage beantwortet wird, was passiert wäre, wäre das Windkraftwerk nicht gebaut worden. Die Antwort könnte sein, dass ein Kohlekraftwerkt gebaut worden wäre. Dies ist der springende Punkt, es ist nicht von Relevanz, ob dies tatsächlich geplant war, sondern es ist nur ein mögliches Szenario. Die Differenz der beiden Szenarien ergibt dann die Reduktion in Emissionen und diese Reduktion wird dann als Emissionsgutschrift an Unternehmen verkauft um ihre Emissionen auszugleichen. Abhängig von dem Baseline-Szenario kann es sogar dazu kommen, dass eine tatsächliche Steigerung der Emissionen erlaubt ist, solange diese unter den theoretischen Emissionen des Baseline-Szenarios liegen (6).

Die Probleme mit diesen Mechanismen haben viele Gesichter. Die Reduzierung auf Ökosystemleistungen führt dazu, dass nur noch gewisse Aspekte von Ökosystem gesehen werden, d.h. dass beispielsweise eine Monokultur von Eukalyptusbäumen als gut angesehen wird, da sie viel CO2 speichert und dabei ignoriert wird, dass langfristig der Boden zerstört wird. Es führt zu einer Situation, in der es möglich wird, mehr CO2 zu emittieren, als erlaubt ist, da es ausgeglichen werden kann. Dies kann nicht die Lösung sein.

Situation in Österreich

Wie sieht die Situation in Österreich aus? In Österreich gibt es Interesse an monetärer Bewertung der Natur, aber Kommodifizierung und Handel mit Ökosystemleistungen werden offiziell bisher abgelehnt, so zum Beispiel in einer Nationalratssitzung 2016. Dennoch sind viele Akteure am Handel mit Emissionen beteiligt. Es gibt zum momentan Zeitpunkt zwei Studien in Österreich zur monetären Bewertung der Natur – Werte der Natur (Bundesforste Österreich) und eine Studie vom Umweltbundesamt zu den Nutzen und Risiken. Das Ziel der in Österreich für diese Themen Zuständigen scheint es zu sein, den (monetären) Wert der Natur besser zu kommunizieren in einer Welt, in der nur monetäre Werte gehört zu werden scheinen. Diese Strategie könnte jedoch ein gefährlicher erster Schritt in Richtung Kommodifizierung der Natur sein.

Marktbasierte Mechanismen sind nicht in der Lage, die momentanen ökologischen Herausforderungen zu meistern. Die zugrundeliegenden Ursachen von Klimawandel und Umweltzerstörung werden nicht berücksichtig in diesen neuen Lösungsansätzen. Anstatt Anreize zu geben, um von fossilen zu erneuerbaren Energien zu wechseln, unseren Lebensstil zu ändern, weniger zu fahren und zu fliegen, Produktions- und Konsumverhalten zu verändern, liegt der Fokus ausschließlich auf einem Markt und der Etablierung von Preisen. Business-as-usual wird dadurch legitimiert, dass der negative Umwelteinfluss an einem anderen Ort scheinbar ausgeglichen wird. Die eigentliche Frage sollte jedoch nicht sein: „Was ist der Preis der Natur und wie können wir die Natur schützen, ohne unser Wirtschaftssystem ändern zu müssen?“, sondern: „Wie können wir eine ökologisch und sozial gerechtere Welt schaffen?“.


Zu den Autorinnen: Nina Schneider und Melanie Wolf haben sich während ihres Masterstudiums Socio-Ecological Economics and Policy kennengelernt. Im Rahmen ihrer Masterarbeit beschäftigten sie sich mit dem Thema “New Conservationism – Die neue Art von Klima- und Naturschutz”. Melanie lebt momentan in Ecuador und Nina in Vorarlberg.

Mehr zum Thema findet sich in der Broschüre „Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?“

New Conservationism – die neue Art von Klima- und Naturschutz