Grünes Fliegen gibt es nicht

Nicht nur der Flughafen Wien will wachsen. Über 500 neue Flughäfen oder Erweiterungen sind weltweit geplant. Die UN-Luftfahrtorganisation ICAO (International Civil Aviation Organisation) erwartet einen 3- bis 7-fachen Anstieg der Emissionen durch Luftfahrt bis 2050.

Das Problem: Der Flugverkehr ist der klimaschädlichste aller Transportsektoren. Damit die Flugindustrie trotzdem weiter wachsen darf, stellt sie vermehrt Flüge als grün und nachhaltig dar. Auch der Flughafen Wien versucht sich mit einem grünen Image aus der Verantwortung zu ziehen, wie in Medienauftritten und der Berufung gegen den Gerichtsentscheid deutlich wird.

Doch leider kann den grünen Mythen kein Glauben geschenkt werden. Flugverkehr bleibt trotz Greenwashing das energieintensivste und klimaschädlichste Transportmittel:

Mythos 1: „Neue Technologie macht Flugzeuge effizient und nachhaltig

Die technologische Entwicklung ökologischerer Alternativen zu den heutigen Flugzeugen ist wichtig – doch viel zu langsam und lange nicht ausreichend. Beworbene Wunderlösungen entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als technologische Träumerei. So ging z. B. vor kurzem durch die Medien, dass ein Solarflieger die Welt umflog. Doch er war ultraleicht und nur für zwei Piloten geeignet. Undenkbar also für große Passagier- und Frachtflugzeuge.

Innerhalb von 40 Jahren ist der Kerosinverbrauch neu entwickelter Modelle um ein Viertel gesunken“, wird gelobt. Doch gleichzeitig stieg der Kerosinverbrauch wegen dem Wachstum des Flugsektors linear an. Zwischen 1970 und 2005 ist er auf über das Doppelte gewachsen. Dieser sogenannte „Rebound-Effekt“ ist emblematisch für das Versprechen des „grünen“ Wachstums: Effizienz macht Flüge billiger und steigert darum Produktion und Nachfrage.

Die Verbesserung der vorhandenen Technologien reicht daher lange nicht aus, notwendig wären komplett neue Technologien, also Sprunginnovationen wie hybrides Fliegen mit elektrischer Energie, welchen selbst von der Industrie noch rund 25 Jahre bis zur „technischen Reife“ vorausgesagt wird. Da Flugzeuge eine Lebensdauer von rund 30 Jahren haben, heißt das, dass noch mindestens bis in die 1960er energieintensive Maschinen im Einsatz wären. Darauf zu warten ist keine Option.

Mythos 2: „Kerosin kann durch Biotreibstoffe ersetzt werden

Die Flugindustrie behauptet, dass Flugzeuge bald mit weniger Erdöl und mit mehr pflanzenbasiertem Treibstoff tanken werden. Doch ist dies weder realistisch noch wünschenswert. Agrotreibstoffe haben seit ihrem Aufschwung im letzten Jahrzehnt zu vermehrter industrieller Landwirtschaft, zu Monokulturen, dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln geführt. Auch haben sie die Zerstörung von Artenvielfalt, die Verdrängung von Nahrungsmittelanbau und Hunger zur Folge.

2013 lag die weltweite Biokraftstoffproduktion bei knapp unter 4 Exajoule, im Jahr 2050 müssten allein für den Flugverkehr 30 Exajoule Biokerosin angebaut werden. Es stellt sich also die Frage, woher die riesigen Flächen für diese Nachfrage kommen sollen. Studien (1 und 2) zeigen zudem auf, dass Agrotreibstoffe klimaschädlicher sind, als gedacht: Auch diese produzieren bei der Verbrennung klimaschädliche CO2, NOx und CO-Emissionen. CO2 kann nur teilweise beim Anbau der Treibstoffpflanzen eingespart werden.

Mythos 3: „Das Wachstum der Luftfahrt wird CO2-neutral

Im Oktober 2016 wurde erstmals ein Klimaabkommen für die Luftfahrt verabschiedet. Doch die Pläne der UN-Flugorganisation ICAO (International Civil Aviation Organisation) klingen bei weitem besser, als sie sind. Statt Emissionen selbst zu reduzieren, wollen die Airlines sich freikaufen können: Ein kleiner Anteil der CO2-Emissionen soll über Kompensationsprojekte (Offsets) anderswo ausgeglichen werden. Dafür behauptet die ICAO, sie würden ab 2020 CO2-neutrales Wachstum erreichen wollen. Dabei ist die Kompensation erst in zehn Jahren verpflichtend. Zudem ist CO2 nur für etwa die Hälfte des Klimaeffekts von Flugverkehr verantwortlich, die anderen Effekte bleiben vom Vertrag ausgespart.

carros autopista RGBDoch dies sind nicht die einzigen Probleme: Die Offset-Projekte (z.B. Baumplantagen, Wasserkraftwerke oder Filter für Kohlefabriken) befinden sich fast alle im Globalen Süden und sind häufig mit Menschenrechtsverletzungen und ökologischen Schäden verbunden. Auch reduzieren sie in den allermeisten Fällen deutlich weniger Emissionen, als sie vorgeben. Viele indigene Völker und Bewegungen im Globalen Süden zeigen auf, dass es sich hier um „grünen“ Kolonialismus handelt. Es ist ungerecht, nun auch noch die Emissionsreduktion in den billigeren Süden auszulagern. Indigene Völker, die z. B. von einem „grünen“ Staudamm verdrängt werden, müssen dann die Konsequenzen tragen, statt die Airlines und VielfliegerInnen selbst.
Siehe kurze ARD-Sendung zum Klima-Flug-Abkommen.

Mythos 4: „Der Flughafen Wien wird CO2-neutral

Die Nutzung von Photovoltaik ist ein weiterer wichtiger Schritt Richtung CO2-Neutralität für den Flughafen Wien“, verkündet die Flughafen Wien AG. Vor wenigen Jahren hat sich Schwechat beim Airport Carbon Accreditation Scheme registriert, mit dem Ziel, sich irgendwann in Zukunft als CO2-neutral präsentieren zu können. Es scheint zu funktionieren, denn bisher galten Flughäfen als Hot Spots der Klimaschädlichkeit, während die Medien inzwischen hauptsächlich über Solarzellen berichten.

Was meist nicht erwähnt wird: Es handelt sich allein um die Infrastruktur und Betriebsprozesse des Flughafens, nicht um den Flugverkehr, für den ein Flughafen ja gemacht ist. Die Flughafen Wien AG behauptet auch in ihrer Revision des Gerichtsentscheids, die CO2-Emissionen der Flugzeuge hätten nichts mit dem Flughafen zu tun. Das ist, als würde man behaupten, eine Autobahn hat nichts mit Autoverkehr zu tun.

Mythos 5: „Die Verbesserung der Verfügbarkeit von Flughäfen und Pisten ist klimafreundlich“

So zumindest steht es in der außerordentlichen Revision der Flughafen Wien AG. Sie behauptet, ohne dritte Piste würden Flugzeuge bei Kapazitätsspitzen CO2-intensive Schleifen fliegen müssen. Doch Fakt ist: Wer Pisten säht, will Flüge ernten. Kapazitätsgrenzen sind noch lange nicht erreicht am Flughafen Wien – und sollten auch mit zwei Pisten nie erreicht werden, wenn endlich Flüge vermehrt durch Bahnverkehr ersetzt und der Subventionierung der Flugindustrie ein Ende gesetzt wird. Dies sind dringende Erfordernisse, wenn wir den Klimawandel endlich aufhören, zu ignorieren.


Mehr zum Traum des grünen Flug-Wachstums hier.
Siehe auch die sarkastische Website zum Thema Offsetting und Emissionshandel: http://climate-neutral.org/