08.März.2016

Honduras: Ermordung von Berta Cáceres, Koordinatorin der indigenen Organisation COPINH

Die Bewegung „System Change, not Climate Change!“ verurteilt den Mord an Berta Cáceres solidarisiert sich mit COPINH.

Aktuelle Eilaktionen und Spendenaufruf siehe unten!

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Die „System Change, not Climate Change!“-Bewegung gedachte im Rahmen der Aktions-Klausur in Linz (4.-6. März) Berta Cáceres und solidarisierte sich mit COPINH.

In der Nacht vom 2. auf 3. März wurde Berta Cáceres in ihrer Heimatstadt La Esperanza von Unbekannten ermordet. Die 43-jährige indigene Frau und vierfache Mutter war Gründerin und Koordinatorin der Lenca-Organisation COPINH (Ziviler Rat der Volks- und indigenen Organisationen von Honduras) und eine der wichtigsten und bekanntesten Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen Lateinamerikas.

Diejenigen, die Berta kennenlernen durften – in Honduras oder auch während ihres Besuchs in Wien (2012) – schätzten sie sehr hoch für ihre Herzlichkeit, ihre Energie, die Klarheit ihrer Worte und Aktionen, für ihren hartnäckigen Einsatz zur Verteidigung des Lebens, der indigenen Territorien, der Lebensweisen, der Gemeingüter, der Menschenrechte und der Frauenrechte. Sie ließ sich trotz Geldangeboten und trotz unzähligen Morddrohungen gegenüber ihrer Person sowie ihrer Familie nie einschüchtern, ging keine falschen Kompromisse ein, sondern setzte sich unaufhörlich für ihre Kamerad*innen in den indigenen Dörfern ein.

Die indigene Basisbewegung wehrt sich seit Jahrzehnten gegen den Ausverkauf ihres Territoriums, insbesondere gegen die rund 40 Staudämme, die derzeit in Planung oder Umsetzung sind, ebenso wie die Dutzenden Bergbauprojekte, gegen die Rodung der Wälder und weitere neo-koloniale Maßnahmen, die die souveräne Gestaltung und den Schutz des Lebensraums der Lenca untergraben (wie z. B. auch das Wald-Programm REDD+, die Militarisierung, etc.). Insbesondere in Zusammenhang mit dem Widerstand gegen das Wasserkraftwerk Agua Zarca wurde Berta des Öfteren die „Mutter der Flüsse“ genannt. In ihrer Rede bei der Preisverleihung des Goldman Preises, einem der weltweit bedeutendsten Umweltpreisen, welchen sie 2015 verliehen bekam, erklärte sie, warum sie ihr Leben diesem Kampf widmete:

In unseren Weltanschauungen sind wir Wesen, die aus der Erde, dem Wasser und dem Mais entstanden sind. Als Lenca sind wir seit Generationen Hüter der Flüsse, beschützt außerdem von den Geistern der Mädchen. Diese zeigen uns, was es bedeutet, auf verschiedene Weise das eigene Leben der Verteidigung der Flüsse zu widmen, nämlich, das Leben für das Wohl der Menschheit und dieses Planeten zu geben.”

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Berta Cáceres. Foto von Oele Schmidt.

Die Ermordung Bertas ist Teil der systematischen Kampagne gegen sie und COPINH, um deren unbequemen Widerstand zu brechen. Darunter fielen die Ermordung vieler weiterer Mitglieder von COPINH in den letzten Jahren, ebenso wie unzählige Morddrohungen, die Kriminalisierung der Staudamm-Gegner*innen, das Einleiten von Gerichtsverfahren gegen Berta Cáceres, welche aufgrund nicht existenter Beweise für die Beschuldigungen fallen gelassen werden mussten, die Verfolgung von Berta und mehrere Mordversuche.

Obwohl die vielzähligen Menschenrechtsverletzungen und die systematische Gewalt an Berta und COPINH in direktem Zusammenhang mit dem Staudammprojekt Agua Zarca stehen, sind weiterhin mehrere europäische Firmen und Unternehmen nicht bereit, sich aus dem Bauvorhaben und der Finanzierung zurückzuziehen. Darunter befinden sich Siemens und Voith Hydro, sowie die holländische Entwicklungsbank FMO und die finnländische Entwicklungsbank Finnfund. Mit einer medialen Kampagne diffamierte die Baufirma COPINH strategisch und zunehmend in den letzten Wochen und trägt damit zusammen mit der honduranischen Regierung ebenso Verantwortung für Bertas tragischen Tod.

Wir fordern von der honduranischen Regierung, sich für eine rasche und gründliche Aufklärung des Mordes einzusetzen. Die gängige Praxis, COPINH-Mitglieder zu kriminalisieren, und wie aktuell im Fall der Ermordung Bertas als Täter zu verleumden und einzuschüchtern, muss ein Ende haben.
Wir fordern Sicherheit und Rechtsschutz für den einzigen Zeugen des Mordes, dem mexikanischen Menschenrechtsverteidiger Gustavo Castro, sowie für alle Menschenrechtsverteidiger*innen in Honduras und weltweit.
Wir schließen uns der Forderung COPINHs an, dass sich die europäischen Firmen und Banken aus dem Staudammprojekt Agua Zarca zurückziehen sollen.

Wir solidarisieren uns mit COPINH, den Kindern von Berta, ihrer Mutter und allen Angehörigen und wünschen ihnen viel Kraft, damit diese auch ohne Berta ihre immens wichtige Arbeit für eine lebenswerte, selbstbestimmte, solidarische Gesellschaft fortführen können.

 


Aktuelle Links, Eilaktionen und Spendenaufruf:

Spenden an COPINH zur Unterstützung für Beerdigung, Treffen, Fahrtkosten, Verpflegung etc.: http://hondurasdelegation.blogspot.co.at/
Konto: Ökumenisches Büro, IBAN: DE65 7015 0000 0056 1762 58, SWIFT-BIC: SSKMDEMM, Verwendungszweck: COPINH

Eilaktion von International Rivers, die fordert, dass sich die europäischen Banken aus dem Staudamm zurückziehen: intlrv.rs/StopAguaZarca

Eilaktion von HondurasDelegation und HondurasForum, die die Aufklärung des Mordes sowie den Stopp des Staudammprojekts fordert: http://honduras-forum.ch/wordpress/?page_id=297

Eilaktion zum Schutz des einzigen Zeugen: 

Aktion zur Sammlung internationaler Solidaritäts-Fotos:
http://s1070.photobucket.com/user/bertacaceres/slideshow/?sort=3
(Fotos bitte schicken an: dmarin@gmx.com)

Infos zum Wasserkraftwerk Agua Zarca: http://www.banktrack.org/show/dodgydeals/agua_zarca_dam

Video von Berta Cáceres: https://vimeo.com/132559974

Infos auf der Seite der deutsch-österreichischen Solidaritätsgruppe HondurasDelegation:
http://www.hondurasdelegation.blogspot.co.at/ 

 

 


 

Hintergrundinformationen zu COPINH

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Berta Cáceres mit COPINH-Mitgliedern. Foto von Oele Schmidt

Berta Cáceres gründete mit anderen zusammen im Jahr 1993 den Zivilen Rat der Volks- und indigenen Organisationen von Honduras, COPINH. Die Gründung erfolte im Kontext der zunehmenden Neoliberalisierung des Landes, des beendeten bewaffneten Konflikts in Zentralamerika sowie der kontinentalen Kampagne der 500 Jahre des indigenen Widerstands seit der Kolonialisierung. Der Name von COPINH verweist auf die ursprüngliche Gründungsidee, nämlich, die in der Lenca Region schon aktiven Organisationen (bäuerlicher, entwicklungsoder politischer Art) zusammenzuführen. Erst 1995 wurde COPINH zu einer Basisorganisation aus Lenca-Gemeinden umgebaut und wuchs mit der Zeit stetig.

Die Ziele waren von Anfang an, die indigene Lenca-Kultur, die indigenen Rechte und die Gemeingüter der Natur zu verteidigen und die Lebensverhältnisse in der Region, insbesondere auch die der Lenca-Frauen, zu verbessern. Auch der Kampf gegen die Militarisierung war zentral, hatte doch die Lenca-Region mit ihrer Nähe zu El Salvador während den 1980ern eine Zone massiver Gewalt und Unterdrückung dargestellt. Inspiriert durch den Zapatisten-Aufstand am 1. Januar 1994 in Chiapas, Mexiko, besetzte COPINH – unbewaffnet – im selben Jahr mehrere regionale staatliche Büros. Sie forderten unter anderem den Stopp mehrerer Abholzungsprojekte, welche die indigenen Wälder zerstörten.

Im selben Jahr organisierte COPINH einen Fußmarsch mehrerer tausend Indigener, die sogenannte ‚Indigene Pilger*innenreise‘ (span.: peregrinación indígena) in die Hauptstadt, bei der auch weitere indigene Organisationen teilnahmen. Der Marsch stellte einen bedeutenden Wendepunkt im Kampf für die territorialen Rechte und die Selbstbestimmung indigener Völker dar: „Er war historisch. Er erschütterte tatsächlich das Land. Und die größte Errungenschaft war meiner Ansicht nach, dass die indigenen und schwarzen Völker plötzlich auftauchten und deren Existenz in diesem Land anerkannt wurde”, meinte Berta Cáceres im Interview mit Magdalena Heuwieser im Jahr 2013.

Der indigene Fußmarsch, auf den weitere ‚Pilger*innenreisen‘ und vielfache Mobilisierungen folgten, zeigte Resultate, unter anderem: die Ratifizierung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zu den Rechten indigener Völker im Jahr 1994 (die 1995 in Kraft trat), die Schaffung erster indigener Munizipien mit speziellen Rechten, den Stopp mehrerer Abholzungsprojekte, den Bau von Straßen, Gesundheitszentren Schulen, Schul- und Ausbildungsplätze für Indigene, die Anerkennung von kommunitären Landtiteln, bilinguale Unterrichtsprogramme und viele weitere Punkte – wenn auch bei Weitem nicht alle Forderungen erfüllt wurden.

Trotz der sechs anderen Lenca-Organisationen ist COPINH mit Mitgliedern in aktuell rund 150 Gemeinden in den Departamentos Intibucá, Lempira und La Paz (sowie wenigen in Santa Bárbara und Siguatepeque) eine der größten und einflussreichsten unter den Lenca- sowie anderen indigenen Organisationen im Land. Dies liegt an verschiedenen Faktoren, unter anderem an der Basisarbeit (mit lokalen indigenen Räten und Ältesten-Räten), an der kritischen Kommunikation und Vernetzung durch die eigenen indigenen Radiosender, an der Radikalität der Forderungen und der Aktionen (Besetzungen, Demonstrationen, Straßenblockaden, etc.), dem erzielten Respekt durch bisher schon erreichte Erfolge und der guten Vernetzung mit anderen sozialen, indigenen und Umweltbewegungen auf nationaler sowie internationaler Ebene.

Diese breite Anerkennung und Solidarität mit COPINH und der Garífuna-Organisation OFRANEH, welche eng zusammenarbeiten, beruht hauptsächlich auf der radikalen anti-kapitalistischen, dekolonialen, anti-patriarchalen und anti-rassistischen Positionierung. So wird viel Wert gelegt auf Basisarbeit hinsichtlich gesellschaftlichen Themen wie Gewalt gegen Frauen. COPINH führte öffentliche Frauengerichte durch, plant ein Frauenhaus und momentan (Stand 2013) sind mehr als die Hälfte der gewählten Mitglieder in der aus 20 Personen bestehenden Koordination Frauen. Bertha Cáceres war derzeit die zweite weibliche Hauptkoordinatorin von COPINH und meinte im Interview:

„Wie wir immer sagen, ist der komplexeste Kampf, der allerhärteste, der der Frauen. Ich sage immer, es ist leicht, sich gegen die Transnationalen Konzerne auszusprechen, sich gegen sie zu positionieren und zu kämpfen, im Vergleich dazu, wie schwierig es ist, für den Aufbau einer antipatriarchalen Gesellschaft zu kämpfen.“

Quelle: Magdalena Heuwieser (2015): Grüner Kolonialismus in Honduras. Land Grabbing und die Verteidigung der Commons. Wien: Promedia-Verlag

 

Wenn Umweltaktivismus mit dem Leben bezahlt wird
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