7.März 2016

„Payments for Ecosystem Services“ (PES)

Biene

Der ökonomische Wert der Bienenbestäubung beträgt weltweit ungefähr 256 Mrd. Euro“, schreibt Greenpeace bei ihrer Bienenkampagne. In einer anderen Studie heißt es: „Weltweit sorgen die kleinen Arbeiter für eine Wertschöpfung von etwa 200 Milliarden Euro”. [1]

Gut, über den genauen Betrag ist man sich nicht ganz einig – jedenfalls scheint die von den Bienen erbrachte Dienstleistung „Bestäubung“ viel Geld wert zu sein. Die Schlussfolgerung der Studie lautet: „Geht das derzeitige Bienensterben ungebremst weiter, würde das einen riesigen finanziellen Schaden verursachen“, nämlich „bis zu 300 Milliarden Euro”. [1] Wie wird das berechnet? Zum Beispiel, indem der „Wert“ der von Bienen bestäubten Pflanzen zusammengezählt wird, die schon einen Geldwert am Markt haben: Nahrungsmittel, nachwachsende Rohstoffe, etc. So fallen aus der Berechnung diejenigen Pflanzen heraus, die keinen (Geld-)Wert für uns Menschen haben. Teilweise wird der Wert des Bienenverlusts auch danach bestimmt, wie teuer die Bestäubung wäre, würde sie von Menschen oder Drohnen geleistet werden.

Was ist die Konsequenz aus der Berechnung? Sollte, um die Bienen zu retten, den fleißigen Arbeiterinnen endlich ein gerechter Lohn für ihre Dienstleistung gezahlt werden? Das ist natürlich nicht möglich. Was der berechnete Geldwert eigentlich sagen will, ist, dass es billiger kommt, Bienen zu schützen, als sie sterben zu lassen. Wenn aber nun die Bestäubungsleistung von anderen billiger übernommen wird – zum Beispiel von schlecht                              Grafik von Paola Reyes                                    bezahlten Menschen oder einer neuen Drohnengeneration, haben dann unsere Dienstleisterinnen, die Bienen, ausgesorgt? [2]

 


Dies klingt natürlich etwas übertrieben und absurd. Doch führt die ökonomische Bewertung zu genau solchen „Kosten-Nutzen-Analysen”. Letztendlich zählt das Argument Euro, statt die Abwägung, ob nicht das Bienenleben an sich einen Wert hat. Anstatt zu behaupten, der Bienenwert betrage 256 Mrd. Euro, hätte man auch sagen können, dass Bienen fundamental wichtig für die Natur sind, dass im Falle des Bienensterbens auch unzählige Pflanzen sterben müssten und selbst der Mensch massive Schwierigkeiten hätte, sich zu ernähren. Die Konsequenz wäre, Bienen zu schützen – und damit die Ursachen des Bienensterbens zu bekämpfen, darunter insbesondere den hohen Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. Diese und andere Ursachen sind lange bekannt, geändert hat sich bisher kaum etwas – trotz Berechnungen.

Die Bezahlung von Ökosystemleistungen” (PES) – Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Damit Natur und Ökosystemleistungen geschützt werden, soll nicht nur ihr ökonomischer Wert sichtbar gemacht werden. Sie sollen auch bezahlt werden. Natürlich nicht die Biene als „Dienstleisterin“ sondern ihre „Besitzer*innen“. So denkt auch Pavan Sukhdev, ehemaliger Manager der Deutschen Bank und Koordinator der berühmten TEEB-Studie:
Derzeit bezahlt niemand für die Leistungen, die uns Ökosysteme bieten. Deshalb erhalten die Menschen, die diese Systeme erhalten sollen, auch kein Geld dafür. Es fehlt also ein wirtschaftlicher Anreiz, das Richtige zu tun. Deshalb müssen wir erst einmal einen Markt schaffen.“[3]

Genau dies wird derzeit getan. Man arbeitet fleißig an der Ausarbeitung und Umsetzung verschiedenster Marktmodelle für diese neuen Waren, bestehend aus Dienstleistungen der Natur. Darunter fallen vor allem PES (Payment for Ecosystem Services), Biodiversitäts-Offsets oder auch REDD+.

Die Idee von PES ist, dass die „Besitzer*innen“ der Natur, welche die Bereitstellung der Ökosystemdienstleistungen garantieren und kontrollieren, von den Nutzer*innen dieser Leistungen oder dem Staat bezahlt werden. Derzeit passiert so etwas Ähnliches teilweise schon durch eine Art von Subvention, z. B. indem Bergbäuerinnen und -bauern finanzielle Zuschüsse dafür bekommen, dass sie zur umweltgerechten Erhaltung von Almwiesen beitragen. Marktbasierte Formen der PES, auf denen mit Beiträgen zum Umweltschutz gehandelt wird, wurden dafür bisher kaum als nötig erachtet. Eine Monetarisierung der Natur ist für diese Subventionen nicht nötig – dies wäre viel zu komplex und aufwendig.

Doch derzeit werden immer mehr marktbasierte und auf Berechnungen und Monetarisierung aufbauende Arten von PES gefordert und vorangetrieben – was einen fundamentalen Unterschied bedeutet und die Natur zu einer neuen (auch auf dem Finanzmarkt) handelbaren Ware macht. Auch diejenigen PES-Systeme, die derzeit als staatlich regulierte Mechanismen geplant werden, können in Folge jederzeit wegen Geldmangel oder genügend Druck der Wirtschafts- und Finanzlobby für den freien Markt geöffnet werden.

Beruhend auf bisherigen Erfahrungen gibt es zahlreiche Kritikpunkte an PES

Insbesondere in Ländern des Globalen Südens (wie in Costa Rica), in denen PES umgesetzt wurde, ist sichtbar, dass die Zahlungen entgegen dem erklärten Ziel, Armut zu bekämpfen, tendenziell eher den Großgrundbesitzer*innen oder wohlhabenderen Gemeindemitgliedern dienen und Landkonflikte häufig verstärken. Dort, wo keine klaren Besitzrechte von Natur definiert sind, müssen diese geschaffen werden. Das kann z. B. zur Privatisierung von indigenem Gemeindeland führen. [5] PES verändert häufig Lebensweisen und das Verhältnis zur Natur der betroffenen Bevölkerung. War das Leben in einer intakten Umwelt vorher selbstverständlich, wird Umweltschutz nun an Geldzahlungen gebunden. „Ich schütze den Wald, weil ich dafür Geld bekomme”, heißt es dann. Und wenn plötzlich kein Geld mehr fließt, z. B. wegen schwankenden Marktpreisen, ist die wahrscheinliche Konsequenz: „Ich brauche inzwischen aber das Geld, vielleicht sollte ich statt unbezahlt Bäume schützen lieber Bäume fällen und das Holz verkaufen.” Damit kann der Marktmechanismus auch kontraproduktiv sein.

Beispiel: Der Preis für Bienen und Kaffee

Laut einer Studie sparte sich der Eigentümer der Kaffeeplantage Finca Sante Fé in Costa Rica jedes Jahr rund 60.000 USD, weil im benachbarten Wald Wildbienen in Naturwäldchen leben. Ohne diese hätte er sich Bienenstöcke zur Kaffeebaumbestäubung mieten müssen. So wurde ein Vertrag zwischen Plantagenbesitzer und Waldbesitzer abgeschlossen – und dies als Positivbeispiel für PES gefeiert. Doch kurz darauf brach der Kaffeepreis auf dem Weltmarkt ein und aus der Kaffeeplantage wurde eine Ananasplantage. Für Ananas ist Bienenbestäubung nicht notwendig. Bestäubung durch Fledermäuse und Kolibris senkt sogar teilweise den Ertrag – und vermutlich leben auch diese im Wäldchen nebenan. Der Wert der Bienen und des Waldes sank plötzlich dramatisch durch externe, unbeeinflussbare Umstände.
In der Logik von Kosten-Nutzen-Rechnungen und PES wäre die ökonomisch günstigste Konsequenz für den Plantagenbesitzer, entweder den Besitzer des Wäldchens dafür zu bezahlen, dieses abzuholzen, oder ihn für Ertragseinbußen verantwortlich zu machen. In diesem Fall würde die ökonomische Bewertung nicht zum Naturschutz beitragen. [5]

Infos:

Heft von Kill „Trade in Ecosystem Services“: http://www.wrm.org.uy/html/wp-content/uploads/2014/04/Trade-in-Ecosystem-Services.pdf, S. 12 ff

Fußnoten:

[1] http://bienenschutz.at/ ;
www.welt.de/wirtschaft/article118031104/Bienensterben-vernichtet-bis-zu-300-Milliarden-Euro.html

[2] Fatheuer „Neue Ökonomie der Natur“: https://www.boell.de/sites/default/files/neue-oekonomie-d-natur-2.aufl-v01_kommentierbar.pdf, S. 40 f

[3] http://www.focus.de/wissen/natur/tiere-und-pflanzen/artenschutz/interview-der-wert-der-artenvielfalt_aid_304636.html

[4] Kill „Trade in Ecosystem Services“: http://www.wrm.org.uy/html/wp-content/uploads/2014/04/Trade-in-Ecosystem-Services.pdf, S. 12 ff

[5] Kill „Ökonomische Bewertung von Natur“: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/Oekonomische_Bewertung_von_Natur_2015.pdf, S. 41 f

Dieser Artikel von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

Wie man Bienen bezahlt