30.März 2016

Biodiversitäts-Offsets – Eine Lizenz zur Naturzerstörung

Offsetting

Ein Gedankenexperiment

Nehmen wir einmal an, es wird ein großes Bergwerk gebaut. Und zwar in einem Naturschutzgebiet, einem jahrhundertealten Wald, in dem seltene Tiere und Pflanzen leben. Eigentlich besagt das Gesetz, dass in Naturschutzgebieten nichts gebaut und zerstört werden darf. Doch in vielen Ländern wird derzeit ein neues Instrument eingeführt:

Biodiversitäts-Offsetting, häufig auch Ausgleichs- oder Kompensationsmechanismus genannt, ermöglicht, dass Biodiversität zerstört werden darf, indem andernorts zusätzlich Biodiversität geschützt oder sozusagen „neu kreiert” wird.

Es gibt verschiedene Arten von Biodiversitäts-Offsets. Je nach Ausgestaltung kann die Baufirma entweder selbst ein anderes Gebiet, das eine (scheinbar) „äquivalente” oder vergleichbare Biodiversität enthält, besonders schützen, oder eine biodiversitätsarme Region wieder biodiversitätsreicher machen, zum Beispiel durch das Pflanzen von Bäumen. Immer mehr gibt es jedoch auch Formen von Biodiversitäts-Offsets, bei denen sich der oder die Projektbetreiber*in nicht selbst um die Ausgleichsfläche kümmern muss, sondern einfach Offset-Gutschriften kaufen kann, beispielsweise bei den neu entstehenden „Habitat Banks” oder „Species Banks”. Diese Gutschriften gelten dann als Garantie dafür, dass jemand anderes Biodiversität für einen schützt.

Der Bergbaukonzern findet solch ein Instrument natürlich höchst praktisch. Doch die im Wald lebenden Gemeinden sind keineswegs begeistert, als sie vom Bergbauprojekt erfahren. Sie haben ein enges Verhältnis zu ihrer Umgebung, jahrhundertelang wohnen ihre Vorfahren schon dort. Durch die Mine wären ihre Lebensgrundlagen stark eingeschränkt, sie müssten vermutlich umgesiedelt werden. Auch für die Tiere im Regenwald hätte das Projekt fatale Folgen. Darum wehren sich die Gemeinden gegen das Projekt. Doch der Projektbetreiber und die Regierung sind der Meinung, dieser Widerstand sei nicht berechtigt. Schließlich wird Biodiversität geschützt. Nur halt woanders.

Klingt komisch, ist aber so

Das Gedankenexperiment ist leider kein Hirngespinst, sondern vielerorts ernste Realität. Weltweit, auch von der Europäischen Union (EU), wird dieser Mechanismus vorangetrieben. Schließlich erlaubt er, dass wir die Umwelt zerstören wie bisher – und dennoch (scheinbar) Netto Null Naturzerstörung haben. Netto Null – das ist eine neue Zauberformel, die Gewinne für (scheinbar) alle ermöglicht. Eine Win-Win-Situation. Denn Offsets dienen gleichzeitig dazu, dass Naturschutz auch profitabel werden kann. Umweltministerien freuen sich, wenn ihre leeren Kassen durch private Firmen aufgebessert werden. Neue Firmen und Banken entstehen, um über den Handel mit Gutschriften Profite zu machen. Gewinne für alle? Nicht für die lokalen Gemeinden und sicherlich nicht für die Biodiversität.

Unter den Akteuren, die besonders an Offsets interessiert sind, befinden sich allen voran Unternehmen wie die Erdölkonzerne BP und Shell oder der Bergbaukonzern Río Tinto, Privatbanken wie Goldman Sachs und JP Morgan, in Kooperation mit großen Naturschutzverbänden, UN- und nationalen Entwicklungsorganisationen. Zahlreiche Initiativen sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen, um die Durchsetzung der Offsets voranzutreiben, insbesondere „Business & Biodiversity-Plattformen“ auf nationaler oder EU-Ebene oder das „Business and Biodiversity Offsets Programme“ (BBOP) [1]. Dass hinter einem Offset-System in Wahrheit ein finanzielles Interesse steht, verdeutlicht, dass das Ziel dieses neu geschaffenen Handels in erster Linie Profit und nicht Umweltschutz ist.

Sechs Gründe gegen Biodiversitäts-Offsetting

  1. Pflanzen und Tiere sind unersetzbar und nicht äquivalent” miteinander: Um Offsets zu rechtfertigen, müssen viele Vereinfachungen vorgenommen werden, die meist denselben Projektbetreiber*innen, die die Berechnungen anstellen, dienlich sind. Natur in all ihrer Vielfalt, Komplexität, lokalen Spezifität und kulturellen Eingebundenheit wird in „äquivalente“ bzw. vergleichbare Ökosystem-Einheiten abgepackt. Sie wird berechnet und meist monetär bewertet. Denn Geldwerte sind vergleich- und tauschbar, während es z. B. Bienen mit Ameisen nicht sind.
  2. Auch die zeitliche Komponente wird bei Offsets selten berücksichtigt: Damit die „neu hergestellte” Biodiversität tatsächlich annähernd „ausgeglichen“ wird, müsste die Offset-Fläche meist jahrzehnte- oder jahrhundertelang geschützt werden. Wer aber garantiert, dass nach dem Stopp von Zahlungen nicht auch der Schutz gestoppt wird?

  3. Offsetting ignoriert nicht nur die ökologische, sondern auch die soziale Dimension, etwa die Verbundenheit der lokalen Bevölkerung mit ihrer Umwelt. Lokale Widerstände gegen die Zerstörung ihrer Umgebung werden außerdem leichter als ungerechtfertigt zurückgewiesen, da Projekte ja scheinbar dem Naturschutz dienen. Demokratische Entscheidungsprozesse drohen so, ausgehebelt zu werden, da eher Kosten-Nutzen-Rechnungen im Vordergrund stehen als die Bedürfnisse von Menschen und Umwelt.

  4. Zusätzlichkeit? Ein Ausgleichs-Projekt wird offiziell nur dann als Offset-Projekt akzeptiert, wenn es nicht ohnehin durchgeführt worden wäre. Es ist aber selten nachprüfbar, ob ein Projekt tatsächlich zusätzlich ist, also nicht ohnehin geplant war. Wer garantiert, dass ein Gebiet nicht auch ohne Zahlungen geschützt worden wäre? Was in der Zukunft passiert wäre, ist oft reine Spekulation – oder schlichtweg Betrug, was durchaus nicht selten vorkommt. [2]

  5. Kein Netto Null: Bisherige Erfahrungen mit langjährigen Biodiversitäts-Offset-Programmen in Australien, den USA und Kanada haben bewiesen, dass die Mehrheit der Projekte ihre Ziele der „No Net Loss“ (Netto Null Verlust) nicht erreicht haben. [3]

  6. Offsets koppeln Naturschutz an Naturzerstörung: Der Schutz einer Fläche A wird letztendlich durch die Zerstörung der Fläche B kompensiert und finanziert. Offsets sind somit eine Lizenz zur Zerstörung. Noch dazu erzeugen sie die Illusion, dass ein „Weiter wie bisher“ unserer Lebens- und Produktionsweise durchaus ökologisch nachhaltig gestaltbar sei und ohnehin etwas für Umweltschutz getan wird.

Bildschirmfoto vom 2016-03-30 14:03:19

[1] http://www.business-biodiversity.eu ; http://business-and-biodiversity.at/ ; http://bbop.forest-trends.org

[2] http://www.theguardian.com/environment/2007/jun/16/climatechange.climatechange

[3] http://www.nap.edu/catalog.php?record_id=10134 ; http://www.gao.gov/products/GAO-05-898 ; http://www.fern.org/sites/fern.org/files/Critical%20review%20of%20biodiversity%20offsets.pdf

[4] http://www.ifc.org/wps/wcm/connect/7540778049a792dcb87efaa8c6a8312a/SP_English_2012.pdf?MOD=AJPERES

[5] http://www.brettonwoodsproject.org/wp-content/uploads/2013/12/Simandou-Questions-and-Considerations_finaldoc.pdf

 

Dieser Artikel von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

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