2. 3. 2018

Klimakrise und Rassismus: Zwei Probleme, eine Ursache

Der Einsatz für Klimagerechtigkeit muss gleichzeitig den Kampf gegen Rassismus bedeuten. Doch was haben die beiden eigentlich miteinander zu tun?

Zahlreiche Definitionen des Begriffs „Rassismus“ lassen sich auf folgende herunterbrechen: Die Einteilung von Menschen in Gruppen, die durch ihre Herkunft bzw. Abstammung definiert sind, die Zuschreibung kollektiver Merkmale an diese Gruppen und die Hierarchisierung der verschiedenen „Abstammungsgemeinschaften“[1]. Diese Konstruktion passiert stets zugunsten der konstruierenden Gruppe – sie dient nicht nur der Rechtfertigung ihrer bestehenden Privilegien, die Erlangung dieser Privilegien wurde durch Rassismus überhaupt erst ermöglicht: Um die Versklavung schwarzer Menschen im Kolonialismus plausibel zu machen, mussten diese entmenschlicht werden.

In einem globalen Wirtschaftssystem, das auf kontinuierlicher Ausbeutung basiert, gibt es neben den davon Profitierenden notwendigerweise auch jene, auf deren Kosten die Ausbeutung passiert. Der „Globale Norden“ bezeichnet wirtschaftsstarke Industriegesellschaften, aber auch privilegierte Gruppen innerhalb einer Gesellschaft, der „Globalen Süden“ ökonomisch, politisch und gesellschaftlich benachteiligte Nationen oder Gruppen. Auch die Ausbeutung der Natur, welche für die Klimakrise verantwortlich ist, entsteht durch die Angehörigen des Globalen Nordens, die überproportional viele Ressourcen verbrauchen. Viele Gesellschaften im Globalen Süden, die währenddessen an Ressourcenmangel leiden, tragen kaum zur Klimakrise bei, sind jedoch am stärksten von ihren Auswirkungen betroffen.

Die Ungleichheit der globalen Nord-/Südachse ist soweit also klar. Was hat diese nun aber mit Rassismus zu tun?

Am 6. September 2016 legten neun Aktivist*innen der Black Lives Matter-Bewegung den London City Airport lahm. Mit ihrer Aktion machten sie darauf aufmerksam, dass die Ungleichheit, die ein Extremwetterereignis zu einer humanitären Katastrophe macht, genau jene Ungleichheit wiederspiegelt, die für die weltweit disproportional hohe Zahl an Todesfällen schwarzer und armutsbetroffener Menschen verantwortlich ist. Der Klimawandel ist eine globale Krise, deren Auswirkungen weltweit spürbar sein wird – durch die ungerechte Verteilung von (Hilfs-)Ressourcen, Nahrung, medizinischer Versorgung, Verfügbarkeit bzw. Qualität von Wohnraum und Land sowie Möglichkeiten der Evakuation, sind schwarze und armutsbetroffene Gruppen jedoch weit stärker von Umweltkatastrophen betroffen als weiße.[2] Sieben der zehn Nationen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, befinden sich in Subsahara-Afrika.[3] Aus Daten des IWF ist abzulesen, dass es sich bei neun von zehn der Nationen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten am meisten von verheerenden Klimakatastrophen heimgesucht wurden, um Entwicklungsländer handelt, die kaum Verantwortung für den Klimawandel tragen.

Doch nicht nur Gesellschaften des Globalen Südens leiden massiv unter den Folgen der Klimakrise, auch ökonomisch und politisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen des Globalen Nordens sind überproportional betroffen. „ Sozial schlechter gestellte Menschen sind in Deutschland oft höheren Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme ausgesetzt als sozial besser Gestellte. Sie wohnen oft an stark befahrenen Straßen und sind besonders häufig von Lärm und Luftverschmutzungen betroffen.“[4] Black Lives Matter kritisiert: „Das Durchschnittseinkommen der London City Airport-Benutzer*innen beträgt £92.000 pro Jahr, während 40% der Bewohner*innen Newhams, wo sich der Flughafen befindet, mit £20.000 jährlich oder weniger auskommen müssen.“ Die Klimakrise ist eine rassistische Krise, so Black Lives Matter: Die schwarze Bevölkerung Großbritanniens ist um fast 30% gefährdeter, der Luftverschmutzung ausgesetzt zu sein, als die weiße Bevölkerung.[5]

2016 starben 4976 Menschen im Mittelmeer[6] auf der Flucht vor der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Neben Kriegen sind es Armut, Dürren, Überschwemmungen und weitere Wetterkatastrophen, die sie zur Flucht zwangen – Katastrophen, für deren Entstehung diese Menschen keine Verantwortung tragen. Katastrophen, die an genau jenen Flughäfen und Autobahnen Europas generiert werden, zu denen ihnen der Zutritt verweigert wird.

Die Einigung der Pariser COP 2015, ein Limit der Klimaüberhitzung auf „klar unter 2 Grad“ anzusetzen, wurde von europäischen Regierungen als Erfolg bejubelt. Unter dem Motto „1.5 to Stay Alive“ hatten tiefliegende Inselstaaten und weitere besonders gefährdete Nationen auf die für sie gravierenden Folgen aufmerksam gemacht, die bereits durch eine durchschnittliche Erderwärmung von 1,5 Grad entstünden[7]. Nichtsdestotrotz lässt das Klimaabkommen den Spielraum zwischen 1,5 und 2 Grad Erwärmung offen. Die EU-2030-Ziele, ihre Emissionen um 40% (im Vergleich zu 1990) zu senken, überschreiten hingegen selbst eine Erwärmungsgrenze von 2 Grad. Dass dies die Überflutung kleiner Inselstaaten und damit die Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen bedeutet, wird dabei bereitwillig in Kauf genommen. Somit wird öffentlich ganz klar die Position eingenommen, bestimmte Leben seien weniger wert als andere. Genau dies ist Rassismus.

Die neue Regierung Österreichs bekennt sich ganz offen zu einer klimaschädlichen Politik: „Mehr Verkehr“ und „die Gefahr, dass die Emissionen weiter steigen“[8] müssten zugunsten des Wirtschaftswachstums nun mal in Kauf genommen werden, so Infrastrukturminister Hofer. Diese Politik schadet ausnahmslos allen in Österreich lebenden Menschen. Zivilgesellschaftlichen, emanzipatorischen Bewegungen wird jedoch gezielt durch eine immer tiefere Spaltung der Gesellschaft entgegengewirkt: Durch Kulturrassismus, der vermeintlich unüberwindbare Unterschiede nicht nur durch Herkunft, sondern auch religiös, sprachlich und „kulturell“ begründet, schüren FPÖ und ÖVP systematisch Angst und Misstrauen. Dieser Spaltungsmechanismus will nicht nur den Aufbau einer breiten Bewegung für Klima- und soziale Gerechtigkeit verhindern, sondern auch die Solidarisierung gegen die menschenverachtende Abschiebepolitik und den Sozialabbau, welche die Regierung betreibt.

Die Klimakrise und der Rassismus, der in europäischen Gesellschaften heute wieder immer öfter offen zur Schau getragen wird, wurzeln in einem Wirtschaftssystem der Ausbeutung, das kontinuierlich Ungleichheit reproduziert. Eine klimagerechte Welt muss eine Welt ohne Rassismus sein – eine solche zu schaffen, erfordert den grundlegenden Wandel unseres Wirtschaftssystems. Für diesen müssen wir uns gemeinsam einsetzen, indem wir rassistischen Spaltungsmechanismen geschlossen entgegengetreten!

Die Autorin Lucia Steinwender ist Aktivistin bei „System Change!“.

 

Quellen:

[1] Johannes Zerger, Was ist Rassismus?, Göttingen 1997, S.81

[2] https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/sep/14/africa-us-haiti-climate-change-black-lives-matter

[3] https://www.youtube.com/watch?v=yur_tjuJCdU

[4] https://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/Publikationen/Umwelt_und_Gerechtigkeit.pdf

[5] https://www.youtube.com/watch?v=yur_tjuJCdU

[6] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-12/migration-migration-flucht-opfer-2017

[7] http://www.1point5.info/en/message

[8] https://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/5354830/Klimapolitik_Eine-CO2Bilanz-des-Scheiterns

Klimakrise und Rassismus: Zwei Probleme, eine Ursache
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