09.Juni 2016

Das internationale Klimabündnis Break Free from Fossil Fuels hat 2016 zum Jahr des Widerstands erklärt. In den vergangenen Wochen wurden weltweit Großprojekte der Kohle-, Öl- und Gasförderung lahmgelegt. Doch die aktuellen Nachverhandlungen des Pariser Klimavertrages in Bonn machen wieder einmal klar, dass sich eine neue internationale Klimabewegung nicht mit grün gewaschenen Strategien zufriedengeben darf. Vielmehr müssen, wie Franziska Kusche meint, soziale und ökologische Anliegen zusammen gedacht werden.

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Als europäischer Teil der Kampagne Break Free blockierte am vergangenen Pfingstwochenende das Bündnis Ende Gelände das Lausitzer Braunkohlegebiet im Osten Deutschlands. Mit Aktionen des zivilen Ungehorsams wie der Besetzung der Kohlegrube, der Förderanlagen und des Kraftwerkes wurde der täglichen Zerstörung von Lebensraum in der Lausitz für zumindest zwei Tage Einhalt geboten. Das soll öffentliche und private Geldgeber dazu bringen, ihre Investitionen abzuziehen und „grüne“ Projekte zu finanzieren.

Polizeipräsenz und eine Räumungsankündigung des Klima- und Energiecamps konnten die fast 4.000 Aktivist*innen nicht aufhalten. Der schwedische Staatskonzern Vattenfall, der vier Tagebaue und drei Kraftwerke in der Region betreibt, hatte vorsorglich über Pfingsten die Förderung im Protestgebiet eingestellt. Mit einer zweitägigen friedlichen Blockade aller Zulieferungswege sowie des nahe liegenden Kraftwerkes hatte aber auch Vattenfall nicht gerechnet. Die Leistung des Kraftwerkes musste auf 20 Prozent reduziert werden.

Der Erfolg dieser Tage lag auch an der Vielfalt der Bewegung: Altbekannte NGOs und lokale Gruppen, Gewaltfreie und Militante, Anarchist*innen und Bürgerliche waren aus zahlreichen Regionen Europas und aus der Umgebung angereist und konnten zumindest eine eindrückliche Irritation hinterlassen. Die Kraftwerkswolken lichteten sich.

Nun stellt sich die Frage, wie es nach den Aktionen einerseits und nach den erschöpfenden Jahren zielloser Klimagipfel anderseits weitergeht. Im Gegensatz zur offiziellen Klimapolitik fordert die neue Bewegung mit ihrer Kampagne Break Free den sofortigen Ausstieg aus der Förderung und Nutzung fossiler Brennstoffe. Sollte die Politik nicht einlenken, dann wird dieser Ausstieg eben von unten durchgesetzt – wie in den letzten Wochen bereits begonnen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien neue Herausforderungen mit sich bringt, die dringend in den Blick genommen werden müssen.

Eine kurze Geschichte der sozialen Bedeutung von Kohle und Öl

Fossile Energieträger wie Kohle und Erdöl sind nicht irgendwelche endlichen Rohstoffe, die im Vergleich zu erneuerbaren Energien wie Wind, Wasser oder Sonne mehr Treibhausgase produzieren. In den letzten 150 Jahren haben sie die Art und Weise, wie Menschen leben und arbeiten (müssen), entscheidend beeinflusst.

Es mag simpel erscheinen, aber bevor Kohle massenhaft verwendet wurde, waren gesellschaftliche Tätigkeiten wie Landwirtschaft dadurch beschränkt, wieviel Energie Mensch und Tier über Nahrung aufnehmen und wieviel sie davon in Arbeitskraft stecken konnten. Die Nutzung von Kohle und später Erdöl hat das soziale Leben revolutioniert. Vergleichsweise enorme Distanzen wurden mit der Eisenbahn in kurzer Zeit zurückgelegt. Durch Kohle konnte Stahl geschmolzen werden und Glühbirnen konnten dauerhaft und in massenhafter Verbreitung während Nachtschichten und in Gewächshäusern leuchten.

Die Entdeckung des Erdöls brachte diese Entwicklungen noch einmal auf ein ganz anderes Niveau. Die günstige und umfangreichere Förderung ermöglichte ein Auto für jede*n und Flugreisen als Massenphänomen – und als soziale Statussymbole. Nicht nur das Gefühl individueller Freiheit, sondern auch ein Höher-Schneller-Weiter wurde nur durch Kohle und Öl greifbar.

Das zeigt, wie existenziell abhängig wir von Kohle und Öl geworden sind. Diejenigen, die ihre Hand über die Kohle- und Erdölförderung halten, profitieren deshalb nicht nur wirtschaftlich, sondern nehmen auch politischen Einfluss darauf, wie Gesellschaft funktionieren soll: wie viel wir arbeiten, was wir essen und was als gesellschaftlich wertvoll und beteiligungswürdig angesehen wird oder nicht.

Alles für alle! Sozial gerecht und ökologisch nachhaltig

Eine neue Klimabewegung kann nicht fordern, Kohle und Erdöl einfach nur durch riesige Wind- und Solaranlagen zu ersetzen und ein scheinbar grünes Weiter-wie-bisher zu befürworten. Sie muss ökologische Anliegen mit sozialen Problemen verknüpfen, denn in vielen aktuellen Konflikten sind nicht Umweltschutz oder Klimawandel die treibenden Kräfte. Stattdessen geht es um soziale und politische Ausgrenzung oder um Abstiegsängste. Die Frage ist, wie diese Anliegen verbunden werden können.

Sozial und ökologisch sinnvoll wäre eine Verringerung der Arbeitsstunden. So könnten mehr Menschen in Bereichen arbeiten, die viele Arbeitskräfte benötigen und gleichzeitig weniger Treibhausgase produzieren: zum Beispiel in der ökologischen Landwirtschaft oder im Sozialbereich. Arbeitszeitverkürzung würde nicht nur zum individuellen Ausgleich zwischen Arbeits- und Freizeit beitragen, sondern auch mehr Menschen ermöglichen, sich an sozialen Aktivitäten zu beteiligen: in der eigenen Familie, im Stadtgarten oder in der Nachbarschaftshilfe. Gemeinschaftliches Miteinander muss gesellschaftlich wieder wichtiger werden als kaufen und fliegen zu können, wann immer es möglich ist.

Auch in dieser Hinsicht können die Aktionen am Pfingstwochenende einen Schritt in eine neue Richtung weisen: Eine Teilnehmerin beschrieb den ökologischen Aktivismus als Erfahrung kämpferischer Gemeinschaft, die die Vereinzelung in der Gesellschaft kurz verschwinden ließ, die sie im täglichen Konkurrenzkampf in der Arbeit spüre. Solche Erfahrungen sind es, die den Kampf der Klimabewegung mit alltäglichen Problemen verbindet und ihn nicht als Luxusproblem grüner Studierender oder einer Bio-Supermarkt-Bürgerlichkeit abwertet.

Franziska Kusche studiert Sozial- und Humanökologie sowie Politikwissenschaft in Wien. Sie ist in der Lausitz am Tagebaurand aufgewachsen und Teil des Lausitzer Klima- und Energie Camps sowie der Arbeitsgruppe Dekoloniale Perspektiven

 

 

Dieser Artikel von Franziska Kusche ist am 01.06.2016 auf Mosaik erschienen.

Innen sozial, außen grün – Perspektiven einer neuen Klimabewegung
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