20.10.2016 Klima- und Umweltpolitik sollte nicht nur von oben gemacht werden, sondern muss gelebte Gesellschaftspolitik sein. Ein Gastkommentar von Stefan Schartlmüller.

Grafik lets do it
Grafik von Sigrid Heistinger

Verantwortungen und Politik

Ein recht großer Teil Menschen versteht unter „der Politik“ nach wie vor gewählte PolitikerInnen und das ganze parlamentartische und Regierungsdrumherum. Vielen anderen ist aber schon klar, dass Politik viel mehr umfasst. Konsumverhalten, Mobilität etc.
Ein wichtiger Punkt im politischen Gefüge ist das breite Thema Verantwortungen. „Das Volk“ will oft, dass „die Politik“ alles regelt. Das ist deren Verantwortung. Wir gehen eh arbeiten, zahlen steuern. Das muss reichen.

Langsam aber sicher wird jedoch deutlich, dass zum einen „die Politik“ nicht mehr klar kommt, und zum andren überhaupt einiges Gefahr läuft zu kippen. Das Klima, der soziale Zusammenhalt, Bildungssystem, Gesundheitssystem, etc. Damit sich was ändert wird auf vielen Ebenen und Feldern gekämpft und gearbeitet. Kohlegruben werden blockiert, die Critical-Mass verbreitet sich, Hofkollektive werden gegründet und Höfe schlagen den CSA-Weg ein. Dort und da ändern sich Umwelt-Politiken im kleinen und mittleren Ausmaß, z. B. was regionale Mobilität betrifft. Energiepolitik bringt manchmal Positives hervor, wird aber gleichzeitig durch andere haarsträubende Projekte wieder relativiert.

Was kippt vorher? Politik oder Klima?

Dort wo es ums Eingemachte geht, wo Ressourcen und Macht zuhause sind, tut sich aber noch zu wenig. Im Feld des Parlamentarismus und „der Politik“ zeigen sich zurzeit eher Anzeichen zum Kippen als zur Stabilisierung. Denn die Klimakrise und die Wirtschaftskrise sind unterm Strich natürlich auch eine Krise des Politischen. Die Substanz, die in den Parlamenten noch da ist, droht zu implodieren. Die Wahlbeteiligungen sind in den letzten Jahren gesunken und mit der Wahlbeteiligung sinkt die Legimitation „der Politik“ noch weiter. Die CETA-Verhandlungen setzen dem Ganzen gerade noch eins drauf.

Aber! Es tut sich doch was …

… wenn auch derweil noch eher versteckt. Denn die sogenannte Pseudopartizipation, oft Umweltfragen bei Bauvorhaben betreffend, ist natürlich nicht gemeint. Es gibt jedoch eine wachsende Community an Menschen, die es mit dem Thema Partizipation ernst meint, vor allem was partizipative Methoden und die Diskussionkultur dahinter betrifft. Die Menschen in dieser Community fassen Methoden und Werte zu einer Art Kulturtechnik unter der Bezeichnung „The Art of Hosting“ zusammen. „The Art of Hosting“ heißt, Räume zu öffnen für wertschätzende Gespräche und Dialoge, für gemeinsames Gestalten und das achtsame Nutzen von Potentialen und Expertise. Auch von leiseren Menschen, in inklusiven und sicheren Räumen. Die Art-of-Hosting-Community gibt ihr Wissen weiter, in kleinen regionalen „Communities of Practise“, oder in Trainings (leider meist noch gegen eine nicht kleine Gebühr, die es aber wert ist!)

Daneben gibt es dort und da Praxisbeispiele aus dem Bereich der politischen Partizipation, die durchaus beachtenswert sind. Nicht perfekt, aber wert sie zu analysieren, zu kritisieren und weiter zu entwickeln. Zum Beispiel die BürgerInnen-Räte in Vorarlberg, dort erarbeiten zufällig, nach Melderegister, nicht nach Staatsbürgerschaft (!), ausgewählte Menschen in 1  1/2 Tagen Thesen zu verschiedenen wichtigen Themen und senden diese an die Landesregierung. Diese Vorschläge heißen „Partizipative Bugdets“, bisher gab es davon  eines in Österreich, mehrere in Deutschland und in der ganzen Welt. Oder auch der Verfassungskonvent in Irland, der mit einem besonders spannenden Prozess begleitet wurde. 33 Abgeordnete und 66 zufällig ausgewählte BürgerInnen erarbeiteten dort im Jahr 2014, über einen längeren Zeitraum, Vorschläge für die Weiterentwicklung der Verfassung.

Die Erfahrungen aus diesen Prozessen und das Zusammenspiel von Methoden und Haltungen hinter „The Art of Hosting“, können das Rüstzeug für echte politische Veränderungen sein.

gelebte Gesellschaftspolitik möglich machen, im Parlament und überall

Menschen rund um die IG Demo?krAtie beschäftigen sich schon seit einiger Zeit mit den vielen partizipativen Methoden und Praxisbeispielen und geben ebenfalls ihre Erfahrungen weiter. Auf der kleineren Ebene gibt es seit gut einem Jahr die DiY (do-it-yourself) -Demo?krAtie-Repaircafes. Und weil wir endlich auch auf breiteren Feldern und „höheren“ Ebenen wirksam sein wollen, gibt es von 11.-13. November in Vöcklabruck/OÖ eine dreitägige Art-of-Hosting-Projektwerkstatt. Dort fragen wir uns
„wie können wir gelebte Gesellschaftspolitik möglich machen? im Parlament und überall!“
Im Art-of-Hosting-Setting wollen wir von erwähnten Praxisbeispielen und bestehenden Projekten, in denen gemeinsam gestaltet wird, lernen. Diese weiterentwickeln und unterstützen und den Rahmen bieten damit Neues entstehen kann, ist unser Ziel. Es soll positiver Druck auf bestehende Parteien ausgeübt werden, damit sich diese zur Öffnung hin verändern. Wem das zu wenig ist, kann eine eigene gründen. Eine Partei oder vielleicht eine Schule. Eine Kampagne launchen, oder etwas anderes. Jedenfalls liegt der Fokus auf Wirksamkeit, Knackpunkten und Einsichten. Nicht gegen etwas arbeiten. Sondern für etwas. Für die Öffnung politscher Prozesse.

Wir sind der Meinung, dass die radikale Öffnung politischer Prozesse notwendig und möglich ist. Dass es eine Neuverteilung von Verantwortungen und Ressourcen braucht. Dass das wichtigste politische Feld in Zukunft gelebte Gesellschaftspolitik sein sollte. Gemeinsames Gestalten, gemeinsames Entscheiden, gemeinsames Umsetzen und Verantwortung übernehmen.

Schaut vorbei auf www.vonunten.at, beim Facebook Event  – und von 11.-13. November in Vöcklabruck! Gut 50 Menschen sind schon dabei!
Wir freun uns!

Systemwandel braucht gelebte Gesellschaftspolitik!
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