28.April 2016

Weder rot noch grün: Hauptsache REDD?

Wälder sind Lebensraum für unzählige Pflanzen, Tiere und Menschen – und sie nehmen viel CO2 der Atmosphäre auf, um es zu Sauerstoff umzuwandeln. Besonders tropische Regenwälder gelten als wichtige Senken bzw. Kohlenstoffspeicher. Waldabholzung ist damit nicht nur schlecht für die Biodiversität, sondern auch fürs Klima.

redd+

Logische Konsequenz wäre demnach auch aus Klimaschutzgründen, die Hauptursachen der Abholzung anzugehen: Viel Regenwald wurde in den letzten Jahrzehnten für den Anbau landwirtschaftlicher Exportgüter zerstört. Dazu gehören insbesondere Futtermittel wie Soja, das die Tiere zu fressen bekommen, welche später als Schnitzel auf unseren Tellern landen. Oder auch Palmöl und andere Agrartreibstoffe, die die Tanks unserer Autos oder Flugzeuge mit scheinbar nachhaltigem Sprit befüllen. Auch der Abbau von Ressourcen wie Holz oder fossile Brennstoffe und große Infrastrukturmaßnahmen wie Mega-Staudämme und Autobahnen treiben die Abholzung maßgeblich voran. Weitere Gründe sind Waldbrände und illegale Rodung. Doch statt großflächige Rodung zu verbieten und zu ahnden, oder Autofahren und Fleischkonsum zu reduzieren, hat man sich etwas anderes einfallen lassen:

Ein neuer Markt für Waldschutzgutschriften

Seit ein paar Jahren wird versucht, in fast allen Ländern des Globalen Südens ein neues Programm umzusetzen: REDD+ ist die Abkürzung für „Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation“. [1] Es handelt sich somit um ein Programm zur „Reduktion von Treibhausgasen, die aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung entstehen“.

Die Weltbank, die deutsche Entwicklungsgesellschaft (GIZ), das UNO-Umweltprogramm und einige Firmen und Naturschutzorganisationen finanzieren und beraten die Regierungen, um REDD+ flächendeckend umzusetzen. Testprojekte werden gestartet oder eigene private REDD-Projekte betrieben. 2007 erklärte Benoit Bosquet, damaliger Leiter des Weltbank-REDD-Programms, dass das Ziel sei, „zügig einen Waldkohlenstoff-Markt loszutreten, um Waldschutz ökonomisch wichtiger zu machen“. [2]

Bei REDD+ handelt es sich um eine Mischung aus Payments for Ecosystem Services und Emissionshandels-Offsets. Normalerweise führt nur die Abholzung von Wald zu wirtschaftlichem Profit. Die Idee von REDD+ ist, dass auch Waldschutz profitabel werden soll: Gemäß Berechnungen, wie viel CO2 im Wald gespeichert ist bzw. wie viel CO2 bei zukünftigem Waldverlust freigesetzt werden würde, sollen die Waldbesitzer*innen (Privatpersonen, Firmen, Gemeinden oder Staaten) dann Waldkohlenstoff-Gutschriften zum Kauf anbieten können. Eine Gutschrift entspricht einer Tonne eingespartem CO2. Käufer*innen erstehen damit das Recht, eine Tonne COշ mehr auszustoßen, als sie laut Gesetz dürften. Oder die Gutschriften bieten Firmen die Möglichkeit, sich als „grün“ und „nachhaltig“ zu präsentieren – beispielsweise kann eine Fluggesellschaft die Flüge als „klimaneutral“ anbieten.

 Bildschirmfoto vom 2016-04-28 10:57:54

REDD+ …

1) …kann Land Grabbing zur Folge haben:

Eine Vielzahl von REDD-Projekten haben dazu geführt, dass die im Wald lebenden Menschen diesen plötzlich nicht mehr so nutzen konnten wie bisher. Um die Senkenfunktion des Waldes nicht zu gefährden, wird häufig lebensnotwendiges Feuerholzsammeln oder das Schlagen von Bäumen für den Wohnbau oder für die kleinstrukturierte Landwirtschaft verboten. Das kann so weit gehen, dass Flugzeuge von oben kontrollieren, ob die Bewohner*innen das Land „klimaschonend“ nutzen, wie es etwa bei einem Projekt der Umweltschutzorganisation WWF und Air France der Fall war. [4] Auch hat REDD+ schon mehrmals zur Vertreibung von Gemeinden aus ihrem angestammten Wald geführt. [5]

2) … macht den Wald zur neuen Ware:

Viele indigene Bewegungen weltweit wehren sich gegen REDD+. Ein Grund ist die begründete Angst davor, Kontrolle über ihr angestammtes Territorium zu verlieren. Ein weiterer Grund ist die ökonomische Bewertung der Wälder. Die Organisation der indigenen Lenca-Gemeinden COPINH aus Honduras stellt sich gegen die „Inwertsetzung der Wälder, der Natur und des Lebens, da [bei REDD+] der Wald nur hinsichtlich seiner Kapazität der CO2-Aufnahme wertgeschätzt und verwertet wird“. [6] Wie kann in einer CO2-Menge oder Geldsumme ausgedrückt werden, dass ein Wald für Lenca-Gemeinden lebensnotwendig und für kulturelle und spirituelle Praktiken unverzichtbar ist? Mit REDD+ wird der Wald zur Senke, zur Bank und Ware, die quantifiziert, gemanagt, ausgebeutet und gehandelt werden kann.

3) …verspricht mehr, als es halten kann: Die ursprüngliche Idee von REDD+ ist, dass über den Emissionshandel so viel Geld aufgestellt werden kann, dass Waldschutz ökonomisch sinnvoller wird als der Verkauf des Holzes oder die anderweitige Nutzung. Inzwischen wurde deutlich, dass es nie so weit kommen wird: Wald zu schützen wird nie so viel Profit bringen, wie ihn abzuholzen. Dennoch wird REDD+ weiter vorangetrieben.

4) … ist kompliziert, kostspielig und anfällig für Betrug:

Für REDD+ müssen die Wälder kartiert, die Besitzrechte bestimmt, die Senkenfunktion quantifiziert, die Prognosen über zukünftige Abholzung und Waldbrände festgelegt und die bürokratischen Apparate entsprechend umgebaut werden. Die Berechnungen, wie viel CO2 im Wald auf lange Sicht gespeichert ist, sind höchst umstritten und ungenau.

Ein REDD+-Projekt muss eigentlich nachweisen, dass das CO2 so lange im Wald gebunden bleibt, wie die von den Käufer*innen verursachte CO2-Emission das Klima beeinflusst. Und das sind offiziell mindestens 99 Jahre [2]. Doch wer garantiert, dass der Wald nicht nach fünf Jahren abbrennt, oder es in 20 Jahren schon ‚gewinnbringendere‘ Pläne für das Gebiet gibt?

Bildschirmfoto vom 2016-04-28 11:12:16

5) … kann zu einem Plus an Emissionen führen:

Es ist häufig schwer, zu beweisen, ob Wald erst durch REDD+ geschützt wird oder ob der Wald nicht auch ohne den Gutschriftenverkauf erhalten worden wäre. Es muss also nachgewiesen werden, dass der Waldschutz durch REDD+ zusätzlich stattfindet. Doch dieser Nachweis kann auch die Aussage sein, dass der Wald in Zukunft abgeholzt worden wäre. Je dunkler die Zukunft gemalt wird, desto eher ist die Fläche für REDD+ tauglich. Wenn der Waldschutz aber eigentlich nicht zusätzlich ist, führt dies insgesamt zu einem Plus an Emissionen, schließlich hat sich jemand anderswo mit der REDD-Gutschrift das Recht für zusätzlichen CO2-Ausstoß gekauft.

Doch noch ein zweites Problem kann zu doppelten Emissionen führen. Investiert z. B. eine Firma aus Kalifornien in ein REDD-Projekt in Brasilien – welches Land kann dann die eigene Emissionsbilanz mit dem Argument aufbessern, dass durch die vermiedene Abholzung von Wald Emissionen eingespart worden seien? Brasilien als Land, in dem der Wald steht, oder die USA, zu denen das Unternehmen gehört, das die CO2-Gutschriften gekauft hat? Da diese Frage kaum geklärt ist, kann dies dazu führen, dass die Reduktion doppelt angerechnet wird.

6) … kann auch Plantagen- statt Waldschutz bedeuten:

Es ist nicht klar, was genau mit „Wald“ gemeint ist. Die am häufigsten verwendete Walddefinition stammt von der FAO (UN-Landwirtschaftsorganisation) und enthält ebenso Baumplantagen. Das ist problematisch, weil auch die Entstehung neuer Plantagen (z. B. zur industriellen Produktion von Palmöl) als nachhaltig ausgezeichnet werden kann, obwohl diese keineswegs umweltfreundlich sind.

7) … verhindert die Umsetzung tatsächlicher Lösungen:

Durch REDD+ wird die Schuld der Waldzerstörung häufig auf traditionelle Waldnutzer*innen und Kleinbäuer*innen im Globalen Süden geschoben. Sie sollen ihre Formen der Landnutzung ändern, damit Konzerne und Staaten aus dem Globalen Norden sich mit der Investition in den Klimaschutz als nachhaltig präsentieren können. Währenddessen bleiben die Hauptursachen der Abholzung bei REDD+ unangetastet. Dessen Fokus liegt schließlich auf finanziellem Profit. Doch solange Umweltschutzinstrumente ermöglichen, dass wir uns der Verantwortung für die Naturzerstörung systematisch entziehen (indem wir uns freikaufen können), sind sie strukturell nicht zur Problemlösung geeignet.

Infos:

Kritischer REDD-Blog: http://www.redd-monitor.org/

– Heft mit Fallbeispielen: http://wrm.org.uy/es/files/2014/12/REDD-Coleccion_de_conflictos_contradicciones_y_mentiras_expandido.pdf

– Heft „REDD Alert!“: https://www.grain.org/article/entries/5322

Fußnoten:

[1] Das + steht für „Plus Schutz, nachhaltiges Management und Anreicherung der Wald-Kohlenstoffspeicher“.

[2] http://web.worldbank.org/archive/website01290/WEB/0__-1493.HTM , eigene Übersetzung

[3] Jutta Kill „Die neue grüne Landnahme“ im Dossier „Green Grabbing und Bioökonomie“ der Lateinamerika Nachrichten, Nr. 498, Dez. 2015

[4] Jutta Kill: http://wrm.org.uy/es/files/2014/12/REDD-Coleccion_de_conflictos_contradicciones_y_mentiras_expandido.pdf, S.81ff

[5] http://no-redd-africa.org

[6] COPINH: http://hondurasdelegation.blogspot.co.at/2013/02/protestbrief-von-copinh-weltbank-gegen.html

 

Dieser Artikel von Magdalena Heuwieser ist Teil der Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch?” (herausgegeben von Finance & Trade Watch und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL).

REDD: Ein problematisches Instrument für Wald- und Klimaschutz