Das 4. Klimacamp bei Wien ist vorbei und damit geht eine prall gefüllte Woche zu Ende. Über 100 verschiedene Workshops, rund 100 volle Kompostklo-Fässer, mehr als 1000 Besucher*innen über die Woche verteilt, Aktionen von 6 verschiedenen Gruppen im Rahmen des Aktionstags #autofrei,  die allererste Obersdorfer „Schwemm“-Olympiade, zahlreiche Plena – das sind nur einige Blitzlichter aus acht ereignisreichen Tagen. Gecampt wurde auf den Schafweiden im Weinviertel schon weitaus länger, denn auch ein selbstorganisiertes Camp will aufgebaut werden.

Transparent malenInhaltlich baute das Klimacamp auf vier Säulen: Bildung, Alternativen leben, Vernetzung und direkte Aktionen. Die Bandbreite der Workshops reichte von Theaterspiel über Herrschaftskritik und wissenschaftlich fundiertem Klimawandel-Diskurs bis hin zu Umweltpsychologie und Trommeln. Beim Familientag am Donnerstag wurde auch den Jüngsten spielerisch Wissen zum Thema Klimagerechtigkeit vermittelt. Denn zum Guten Leben für alle gehören alle! Das wurde jeden Tag bei den so genannten „Selbst-Orga-Raves“ ganz praktisch deutlich: Zweimal am Tag schupften wir gemeinsam eine halbe Stunde lang bei motivierender Musik den Haushalt. Dazu gehörte neben den schon erwähnten Komposttoiletten auch unsere eigene Energieversorgung: Ein bei einem Workshop entstandenes Windrad und ein Solarpaneel-Anhänger produzierten Strom für das Camp.

Alternativen leben heißt aber nicht nur, erneuerbare Energie zu erzeugen und Lebensmittel aus dem Überschuss vor der Mülltonne zu retten – auch unser Miteinander gestalteten wir nach unseren Visionen von einer klimagerechten Welt. Entscheidungen gemeinsam zu treffen, aufeinander Acht zu geben und jede Form der Arbeit wertzuschätzen gehörten selbstverständlich zum Zusammenleben dazu. Als „Care-Team“ standen Menschen bei Problemen oder Konflikten als Ansprechpartner*innen zur Verfügung.

Das Klimacamp auch eine Art Versuchslabor, ein Ort, um Visionen auszuprobieren. Dabei muss nicht alles auf Anhieb funktionieren. Ein Experiment waren zum Beispiel die drei rauschfreien Tage, an denen es in der Camp-Bar statt Alkohol etwa Saft und alkoholfreie Cocktails gab.Hände formen Laibchen

Auch wenn die Idylle des Camps es zwischendurch fast vergessen ließ: Wir leben in Zeiten der Klimakrise, die Teil einer multiplen ökologischen und sozialen Krise ist. Darum spielt Vernetzung eine wichtige Rolle am Klimacamp – sowohl zwischen Einzelnen, als auch zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen. Die Grätzl boten dafür einen Rahmen: Globalisierungskritik, Klimagerechtigkeit, Ökoresilienz und Ernährungssouveränität waren die thematischen Schwerpunkte dieser „Ortsviertel“ des Klimacamps. Bespielt wurden sie neben System Change, not Climate Change! von attac, Extinction Rebellion, Get Active! und Nyéléni Österreich.

Im Programm-Zelt von System Change, not Climate Change! konnte mensch im informellen Rahmen erfahren mit welcher Vision Menschen bei System Change! aktiv sind, was genau sie machen und wie man selbst aktiv werden kann. Ein umfangreiches Workshopprogramm bot Einblick in einige der Themen zu denen System Change! arbeitet: Welche Wege führen von Energiearmut zur Energiedemorkatie? Was kann gegen die klimaschädlichen Monsterprojekte Lobauautobahn und die 3. Piste getan werden? Welche Rolle spielen Staat, Gewalt und Militanz in Kampf gegen den Kapitalimus? Was sind Pläne und Strategien innerhalb der europäischen Klimagerechtigkeitsbewegung? Eine Podiumsdiskussion mit Gästen von der Arbeiterkammer, Radlobby, EndeGeländeWagen und aus der Raumplanung ging der Frage nach wie eine radikale Mobilitätswende erreicht werden kann. Auch bei der Diskussion, ob Arbeitsplätze und Umweltschutz ein Widerspruch sein müssen – besprochen am Fallbeispiel 3. Piste – war System Change! vertreten.

Aktionstag

Damit diese Inhalte und Anliegen nicht auf der Obersdorfer Schafweide bleiben und wir einen gesellschaftlichen Wandel erwirken, sind direkte Aktionen unabdingbar. Beim großen Aktionstag für Klimagerechtigkeit in Wien im Rahmen des Klimacamps fand eine breite Palette an Protesten statt: Die Farmers For Future machten den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Ernährungskrise vor vor der Raiffeis en-Zentrale deutlich, System Change, not Climate Change! protestierte durch eine Performance mit riesigen silbernen Würfeln gegen den Bau der 3. Piste am Wiener Flughafen, Kinder und Familien verliehen ihrem Protest im Votivpark eine Stimme, eine „kritische Masse“ an Menschen auf Fahrrädern rollte durch Wien, Extinction Rebellion setzte mit drei „Die-Ins“ (öffentliches Hinlegen) ein Zeichen und Ende Geländewagen blockierte in einer Aktion zivilen Ungehorsams die Ringstraße. Alle Aktionen verliefen erfolgreich und standen unter dem Motto des Aktionstags „Erobern wir uns die Stadt von den Autos zurück!“ Zudem gingen gleichzeitig 35 000 Schüler*innen und diverseste weitere Demonstrant*innen mit Greta Thunberg beim Fridays-For-Future-Streik auf die Straße.

Schockiert sind wir über die Vorfälle mutmaßlicher Polizeigewalt bei der Ende Geländewagen-Aktion. Hier zeigte sich deutlich, dass das System, dessen Wandel wir von unten erwirken wollen, auch gewaltsam durchgesetzt wird. Aus diesem Anlass organisiert System Change, not Climate Change! eine Demo Halt der Polizeigewalt.

Das Klimacamp 2019 ist nun vorbei, doch das Klimacamp-Gefühl lebt wohl in jeder und jedem Teilnehmer*in noch eine Weile weiter. Irgendwann leben wir vielleicht in einer Welt, in der es diese „Oase“ nicht mehr braucht – weil sozusagen immer Klimacamp ist. Bis dahin werden noch viele Camps und Aktionen nötig sein. Wir sehen uns 2020!

Rückblick auf das Klimacamp 2019
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