Fast alle Menschen tun es: arbeiten. Zwar wird Arbeit nicht immer als Arbeit bezeichnet, aber dennoch findet sie statt – egal ob wir körperlich oder mental arbeiten, Brot backen, Rechnungen prüfen, die Wohnung putzen oder unsere gebrechlichen Eltern pflegen. Viele der Arbeiten, die täglich verrichtet werden, sind wesentlich für ein Gutes Leben für alle. Trotzdem bekommen Menschen dafür oft keinen oder nur geringen Lohn und wenig Anerkennung. Andere Arbeitsformen sind gesellschaftlich hoch anerkannt, tragen jedoch zur Beschleunigung der Klimakrise bei. Viele Menschen sind gezwungen, in ausbeuterischen Strukturen oder unsicheren Verhältnissen zu arbeiten oder Tätigkeiten nachzugehen, die sie nicht als sinnvoll empfinden. In einer auf Wachstum ausgerichteten Welt ist „mehr Arbeit“ zu einer Notwendigkeit geworden. Es gibt also jede Menge Gründe, unsere Arbeitswelt klimagerecht neu zu denken. Dabei beziehen wir uns im folgenden Text vor allem auf die Situation in einem reichen mitteleuropäischen Land – uns ist bewusst, dass die Situation für Menschen im Globalen Süden eine andere ist.

Mehr über unsere Projekte zum Thema Arbeit findet ihr weiter unten.

Arbeit ist nicht immer sichtbar

In unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem soll die Gewinnspanne möglichst groß sein, daher muss Arbeitskraft möglichst billig gemacht werden. Ein riesiger Brocken an Arbeit, der täglich verrichtet wird, wird überhaupt nicht entlohnt: die so genannte Reproduktionsarbeit. Sie bildet die Grundlage dafür, dass wir einer Lohnarbeit nachgehen können. Reproduktionsarbeit umfasst Tätigkeiten wie Kochen, Einkaufen, Pflege oder Kinderbetreuung. „Reproduktionsarbeit“ nennt man diese Aktivitäten, weil sie notwendig sind, damit Menschen ihrer Lohnarbeit nachgehen, also etwas „produzieren“ können – weil wir Menschen nun einmal keine Maschinen sind, sondern uns regenerieren und erholen müssen.
Wenn wir den Begriff „Arbeit“ von dem engen Korsett der Lohnarbeit befreit haben, fällt auf, was noch so alles an Arbeit stattfindet: (gesellschafts-)politisches Engagement oder künstlerisches Schaffen zum Beispiel. Für viele dieser Arbeiten hat oft nur eine privilegierte Gruppe an Menschen die notwendigen finanziellen und zeitlichen Ressourcen. Und auch sie finden häufig unbezahlt oder in prekären Verhältnissen statt.

Arbeit und Wachstum

Apropos Zeit: Wenn wir lohnarbeiten, bekommen wir Geld dafür, dass wir unsere Zeit und Energie für etwas aufwenden. Das Geld brauchen wir in unserem Gesellschaftssystem dafür, unsere Grundbedürfnisse zu decken und uns Luxus- und Konsumgüter zu leisten. Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet – stetiges Wachstum ist aber in einer Welt, in der es darum geht, die Grundbedürfnisse aller Menschen abzudecken, nicht sinnvoll und auf Dauer nicht möglich. Denn um Wachstum zu erreichen, müssen immer mehr Güter und Dienstleistungen abgesetzt werden. Es muss immer mehr konsumiert, aber auch immer mehr produziert werden. Das geht meistens auch mit mehr Lohnarbeit einher. Was uns von Akteur*innen aus Politik und Wirtschaft als etwas Positives verkauft wird, schadet uns selbst: Durch immer mehr Lohnarbeit, immer mehr Produktion und immer mehr Konsum verbrauchen wir große Mengen an Rohstoffen und Energie und zerstören so unsere eigenen Lebensgrundlagen und die anderer.
Kurz gesagt: Unsere Arbeit geht häufig an dem Ziel, Lebensgrundlagen zu schaffen, vorbei – nicht allein aufgrund ihrer ökologischen Auswirkungen. Ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder gefährliche Arbeitsbedingungen seien hier nur als Schlagworte erwähnt. Wenn klimaschädliche Industriezweige, wie die Automobilindustrie oder der Flugverkehr, in Frage gestellt werden, wird oft mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen für ein “Weiter wie bisher” argumentiert. Doch das ist sehr kurzfristig gedacht, denn die fortschreitende Klimakrise gefährdet letztlich jene Lebensgrundlagen, die wir uns mit unserer Arbeit schaffen wollen. Je früher wir also anfangen, Arbeit neu zu denken, anders zu verteilen und Arbeitsplätze in zukunftsfähigen Bereichen zu schaffen, desto besser. (Mehr zu dem bereits bestehenden Konzept Just Transition findet ihr hier.)

Doch wo ansetzen? In unserer Gesellschaft sollen wir meist „unseres eigenen Glückes Schmied*in“ sein: So wie sich Unternehmen weltweit die billigste Arbeitskraft suchen, sollen wir uns den besten/bestbezahlten/erfüllendsten… Arbeitsplatz suchen. Dabei wird ein weiteres Mal ignoriert, dass viele lebensnotwendige Tätigkeiten unbezahlt stattfinden. Darüber hinaus ist Lohnarbeit im gegenwärtigen System essenziell zur Sicherung der eigenen Existenz – nur die Wenigsten sind in der privilegierten Lage, sich bewusst für weniger Lohnarbeitsstunden oder gegen einen „klimaschädlichen“ Job entscheiden zu können. Veränderungen auf individueller Basis sind für viele schlicht nicht möglich. Um allen den Zugang zu guter Arbeit, die positiv zur Gesellschaft beiträgt, schaffen zu können, braucht es Veränderungen auf struktureller Ebene. Ein beeindruckendes Beispiel für eine Arbeiter*innenbewegung, die sich dafür einsetzte, gesellschaftlich sinnvolle Güter zu produzieren, ist der Lucas Plan.

„Systemrelevant“?!?

Besonders zu Beginn der Corona-Pandemie flackerten Debatten darüber auf, welche Berufe „systemrelevant“ sind. Es zeigte sich, wie dringend traditionell wenig anerkannte Berufsgruppen benötigt werden; abends wurde auf Balkonen für Krankenpfleger*innen und Supermarkt-Mitarbeiter*innen applaudiert. In höheren Löhnen oder besseren Arbeitsbedingungen hat sich die plötzlich entdeckte Dankbarkeit jedoch nicht ausgewirkt.
Die Debatte darüber, welche Berufe relevant sind, könnte auch über Pandemiezeiten und über das bestehende System hinaus geführt werden. Denn was für die Aufrechterhaltung des jetzigen Systems relevant ist, könnte in einer anderen Welt vollkommen unwichtig sein.
Momentan scheint der Begriff „systemrelevant“ seine Hochphase bereits wieder hinter sich zu haben. Es geht den politischen Verantwortlichen vor allem darum, die Wirtschaftskrise abzufedern – der Fokus liegt wie gewohnt auf der bloßen Zahl, nicht der Qualität der Arbeitsplätze. Von der Mehrfachbelastung von Frauen* (die den Großteil der Care- und Reproduktionsarbeit leisten), die sich in der Coronakrise noch verstärkt hat, wird zwar gesprochen, doch ohne Folgen. Dabei wäre gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, die Weichen für eine klimagerechtere Arbeitswelt zu stellen. Denn wir erleben ohnehin bereits Veränderungen, auf die es zu reagieren gilt, etwa durch den Onlinehandel oder ganze Wirtschaftszweige, die vorübergehed stillliegen.

Wie könnte Arbeit in einer klimagerechten Welt aussehen?

Was wäre, wenn wir „Arbeiten“ als „Arbeiten an einem Guten Leben für alle“ verstehen würden? Für ein Gutes Leben für alle braucht es eine gerechte und nachhaltig funktionierende Welt. Daher muss Arbeit Lebensgrundlagen schaffen, ohne diese für andere zu zerstören, sie muss Raum zur Entfaltung und Entspannung lassen. Arbeit muss demnach weit mehr bezeichnen als Tätigkeiten, die dem Profitemachen dienen – also zum Beispiel die oben beschriebene Reproduktionsarbeit oder künstlerisches Schaffen. Und die so geschaffenen Werte müssen den Arbeitenden und dem Gemeinwohl zur Verfügung stehen; als Lebensgrundlage in Form von Nahrung, Wohnraum und notwendigen Gütern, aber auch als Geborgenheit, Bildung, individuelle Wertschätzung und natürlich Gesundheit.
Arbeit soll durch ein zufriedenes und gesundes Leben und nicht durch ein ständiges Mehr an Konsum belohnt werden. Denn die Logik der kontinuierlichen Anhäufung von Belohnungen in Form von materiellen Luxusgütern führt zwangsläufig zur Ausbeutung von Menschen und Ressourcen und beschleunigt damit die Klimakrise.

An klimagerechter Arbeit arbeiten

Wir wollen bei den Grundlagen für ein gutes Leben ansetzen. Bei gemeinsam verbrachter Zeit, einem langfristig gesunden Leben und dem Wissen, dass der eigene Wohlstand (evtl. besser die Deckung der eigenen Grundbedürfnisse) nicht auf dem Leid anderer aufbaut. Wir wollen Utopien entwerfen, in denen Arbeit so gedacht und ein solches gutes Leben gelebt werden kann. Wir wollen die Strukturen und Institutionen benennen, die diesen Utopien im Weg stehen und wir wollen sie durch Aktionen und Konfrontationen herausfordern.
Arbeit ist also viel mehr als das, was uns täglich suggeriert wird. Und mit der fortschreitenden Klimakrise kommt ganz bestimmt noch einiges an Arbeit auf uns zu. Wenn wir unsere eigene Unzufriedenheit nicht für uns behalten, können wir gemeinsam die Sichtweise auf „Arbeit“ verändern – und es schaffen, dass immer mehr Menschen gut arbeiten können, für ein Gutes Leben für Alle.

weiterführende Links:

Systemchange Positionspapier: Just Transition

I.L.A. Kollektiv + Periskop(Hrsg.): Von A wie Arbeit bis Z wie Zukunft

Projekte

Zukunftsfähige Region statt Amazon #AckerBleibt
Im Grazer Süden wird eine Logistikhalle des Online-Riesen Amazon gebaut. Warum Amazon ein Klimakiller ist und warum das auch schlechte Auswirkungen auf Graz hat, könnt ihr HIER nachlesen.

System Change, not Climate Change!